Die Reise des Helden

Eine Geschichte über das innere Werden

Hommage und Reflektion
Auf Buchseiten der Biografie von C.G.Jungs “Erinnerungen, Träume und Gedanken”, von C.G.Jung und Aniela Jaffe, Walter Verlag, 1992, 8. Auflage, Aquarell, Tusche, Buntstift, Bleistift auf Papier, 2008, 40-teilig

Yvonne van Acht über Ihr Werk

Die Geschichte der „Reise des Helden“, auch „Königsweg“ genannt, folgt in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten immer gleichen Abläufen. Wie schon Joseph Campbell, Professor für vergleichende Mythologie, in seinen mannigfaltigen Forschungen erkannt hat, durchläuft der Held, ob bei den Urvölkern oder beispielsweise bei den Griechen, ähnliche Situationen. Diese sind zur Herausbildung der Persönlichkeit notwendig und bilden wichtige Voraussetzungen für das Lösen der Aufgabe. C. G. Jung brachte diese Stationen und Begegnungen in seiner Archetypenlehre (u. a. auch durch viele Selbstversuche) erstmalig an die Oberfläche und definierte sie.

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Mit dem „Ruf des Helden“ ist die Offenbarung der Lebensaufgabe gemeint. Das Vollbringen des „Großen Werkes“ ist die Bestimmung des Helden. Meist bricht diese unerwartet über ihn herein. Der Berufene sitzt nun an der „Schwelle“, an der sich sein Weg ganz plötzlich gabelt. Er muss sich entscheiden zwischen dem bisher Vertrauten und dem fremden Abenteuer. Als Auserwählter zieht er hinaus in die Welt. Anfangs ist er naiv wie ein Narr, so wie der junge Parzival, der den „heiligen Gral“ zwar erblickt, ihn jedoch mangels Mitgefühl gegenüber seinem kranken Onkel, dem Gralskönig, wieder verliert. Parzival wird dazu verdammt, den Gral aus eigenen Kräften wiederzufinden.

Oder der Held ist ungestüm und lüstern, wie der junge Apoll, der unbedingt die schöne Daphne erobern will, ohne sie vorher liebevoll zu umwerben.

Der junge Held will gleich zu Beginn der Reise seine großartigen Fähigkeiten unter Beweis stellen, und natürlich muss er aus Mangel an Erfahrung scheitern. Symbolischer Ort des Scheiterns ist das Labyrinth, der sprichwörtliche Irrgarten. Der Held verläuft sich, kommt vom Weg ab.

Aus dem unerfahrenen Jüngling oder Mädchen muss ein reifer Mensch werden. Dazu ist u. a. Weisheit und Bildung vonnöten. Die Weisheit ist ein Archetyp und oftmals erscheint sie in Gestalt eines alten Mannes oder einer alten Frau. Ob als Bettler, Einsiedler oder gar als Gott spielt dabei keine Rolle. Aber eins ist immer gleich: erst nach dem Scheitern nimmt sich der Held die weisen Worte zu Herzen. Im Lernen (sich und seine Fähigkeiten bilden) und im Dienen (Demut und Mitgefühl empfinden) wird er fähig, verlässliche Freundschaften zu schließen und Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Die gewonnenen Gefährten sind wichtige Helfer und Beschützer auf dem Weg. Sie stehen für den Archetyp des Freundes oder des sogenannten Schutzengels.

Dann gibt es immer einen Widersacher. Das Dunkle und Böse. Er legt dem Helden Steine in den Weg, ist auf seine Vernichtung aus. Er stellt ihm Fallen. Verführt ihn. Die Verführung ist auch ein Archetyp und hat viele Gesichter. Sie macht sich die Schwächen des Helden zunutze und wird oft – beispielsweise bei männlichen Helden – durch eine betörende Frau symbolisiert. So unterliegt Odysseus den Verführungskünsten von Kalypso. Selbst die besten Helden wurden durch ihre eigenen Schwächen zu Fall gebracht – meist verführt, schmeichelnd betört und in die Irre geleitet. Die Rückkehr zum „Königsweg“ und damit zur Aufgabe wird zur kräftezehrenden Zerreißprobe. Da hilft nur eins, der Held muss seine innerseelischen Kräfte aktivieren. Das geschieht auf der sogenannten „Nachtmeerfahrt“. Sie gehört zum großen Prüfungsfeld des Helden. Früher oder später muss er in die Tiefe seines Wesens hinabsteigen. Ins Unbewusste. In den Hades. Ins Jenseits. In die Gefilde, wo kein menschliches Wesen eindringen kann. Die Abenteuer, die ein Held in der jenseitigen Welt durchlebt, sind mannigfaltig, gespickt mit leidvollen Prüfungen, die sein ganzes Wesen fordern und Verbündete braucht. Das Besondere daran ist, dass der Held unversehrt zurückkommt, geläutert, gewandelt und weise. Seine Rückkehr wird stets als Sieg über den Tod und den Teufel gefeiert. Der Held wird als „Gott“ oder „Sonnengleich“ verehrt. Viele berühmte Mythen verweisen auf die Nachtmeerfahrt (Isis, Orpheus, Jesus in der Wüste etc.) als auch Volksmärchen (u. a. „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“) oder literarische Werke (Apuleis‘ „Amor und Psyche“, Dantes „göttliche Komödie“ etc.).

Manche Helden opfern sich auch für ihre Aufgabe. Prometheus beispielsweise opfert sich aus Liebe zu den Menschen. Er stiehlt ihnen das Feuer aus dem Olymp und sichert damit ihr Überleben. Zeus‘ Strafe dafür ist grausam. Geschmiedet an einem Fels des Kaukasus frisst ein Adler jeden Tag Prometheus‘ Leber, die immer wieder nachwächst. Herakles befreit ihn schließlich und die Menschen ehren Prometheus für seine selbstlose Tat.

Auf allen Wegen, die der Held durchwandern muss, ist schließlich die Liebe der Schlüssel für das Vollbringen der Aufgabe. Findet er sie in sich selbst, besiegt er seine Schwächen. Im Äußeren schenkt die Vereinigung der Liebenden dem Helden Kraft und im Inneren die notwendige Einheit. Dadurch ist er mehr als nur ein symbolisches Licht, das gegen den bösen Schatten antritt. Der Held ist nun ein „in sich geeintes Licht“! (Das wird durch den Archetyp des Drachen oder des Hermaphroditen symbolisiert.) Unter dieser Voraussetzung kann er jetzt den Schatten besiegen, weil er ihn durch die Vereinigung der beiden Pole (symbolisch ausgedrückt in Mann und Frau, Sonne und Mond, Licht und Schatten etc.) ganz bewusst in sich trägt und sie dabei in eine höhere Einheit, nämlich in die Vollkommenheit, verwandelt hat.

Wenn sich alles an seinem Platz befindet und die Spannung der Gegensätze aufgehoben ist, bewirkt die innere Einheit einen Frieden, den man Glückseligkeit nennt. Das „Große Werk“ ist vollbracht und das aufzehrende Verlangen hat ein Ende. Dann ist alles „Eins in Einem“ und der Tod hat seine Macht verloren. (Taoistische Weisheitslehre, u. a. „Geheimnis der goldenen Blüte“)