Werktexte

Home » Werktexte
zeitgeister-1000x500px

Der Zeitgeist der Philosophen

Ein metaphilosophisches, geistreiches und sehr schönes Bild der Künstlerin Yvonne van Acht

von Hermann Stölb, Philosoph

Das Bild mutet surreal an: es zeigt zwei Philosophen, Platon und Aristoteles, die jeweils auf dem Stück eines Baumstamms stehen, das im blauen Himmel zwischen den Wolken schwebt und im Vordergrund eine Vielzahl verblühter Löwenzahnblumen, Pusteblumen, auf deren Stängeln jeweils der Name eines berühmten Philosophen geschrieben ist.
Seite 1
Dass das Bild, gegen den ersten Anschein, durchaus realistisch ist und die Wahrheit über die selbsternannten Wahrheitsfreunde zeigt, dass also die Künstlerin mehr über die Philosophen weiß als die meisten Philosophen selbst, soll im folgenden dargelegt werden. Dabei muss allerdings aus Gründen mangelnder Kompetenz auf die Thematisierung der kunsthistorischen Aspekte verzichtet werden!

Die Art von Philosophie, deren frühe Vertreter im Bild dargestellt sind, bestimmt auch heute noch fast ausschließlich das Fach. Dass diese Art zu philosophieren, in diesem Text ziemlich schlecht wegkommt, ließ sich nicht vermeiden. Die einzige wesentliche Kompetenz solcher Philosophie, so hat der skeptische Philosoph Odo Marquardt behauptet, besteht in ihrer „Inkompetenzkompensationskompetenz“ 1) , also darin, ihre Inkompetenz zu kompensieren; eher aber wohl: diese zu verhüllen mit einem philosophischen Wahrheitsanspruch, unter dem sie sich verbirgt . Der Verfasser leugnet freilich nicht den Widerspruch, dass er aus seiner gründlichen Auseinandersetzung mit dieser Philosophie einiges gelernt hat. So ist folgende Analyse zwar ernst gemeint, aber es darf auch schon ‘mal geschmunzelt werden, weil man einiges von den gemeinten Philosophen Erdachte einfach nicht so ganz ernst nehmen kann. Die Ursachen für das zunehmende Leiden in der Welt liegen ganz woanders, garantiert nicht in dem, was solche Philosophie untersucht.

1) Inkompetenzkomensationskompetenz? Über Kompetenz und Inkompetenz in der Philosophie; in: Odo Marquard, Abschied vom Prinzipiellen, Philosophische Studien, Stuttgart, 1982, S. 23ff

Seite 2
Malerei und Aufklärung

Anders als die Philosophen und auch die Dichter muss die Malerin auf Worte weitgehend verzichten. Während die über Schrift vermittelte Sprache zunächst auf eine zeitlich und räumlich lineare Abfolge der Zeichen angewiesen ist, vollzieht sich Malerei, bedingt durch die Fläche der Leinwand und die Verwendung der Farben sowie einer unendlichen Anzahl möglicher Zeichen, statt der begrenzten und vorgegebenen des Alphabets, in einem anders strukturierten Prozess. Maler bedienen sich wesentlich des Lichtes zur Darstellung der Welt, und das Betrachten eines Bildes aktiviert im Gehirn andere Mechanismen als das Lesen, bei dem die aufgenommenen Äußerungen, Gefühle und Gedanken erst visualisiert werden müssen, damit ein Verständnis sich einstellen kann. Schrift war ursprünglich Bilderschrift. Sie besteht aus Bildern, die durch den konformierenden Zivilisationsprozess mit Hilfe von Abstraktion unsichtbar und unkenntlich gemacht worden sind. Das Besondere des Bildes wird aufgehoben ins Allgemeine der Schriftzeichen. Das ist immer auch Abstraktion von Wahrheit. Dass das Medium des Bildes das Licht ist, ermöglicht ihm eine mehr unmittelbare Nähe zur Aufklärung 2) . So versteht sich auch das Bilderverbot durch religiöse und weltliche Herrscher. Trotz Indexierung von Texten, Bücherverbrennung und verfolgter Dichter scheint die Macht der Bilder größer zu sein, wie sich auch letztens noch am Karikaturenstreit gezeigt hat, als Vertreter der betroffenen Religion gegen islamkritische Karikaturen in einer dänischen Zeitung gehetzt haben. Die Herrscher aller Zeiten haben das gewusst, hielten sich deshalb einst Hofmaler, die sie vorteilhaft ins rechte Licht rückten und sind heute um eine ihnen dienliche Medienpräsenz bemüht: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, heißt es in einer Redensart.

Bilder: dichter als Dichtung!

Die Analyse eines Bildes hat einen Entdichtungsprozess zu leisten, das Zusammengeworfene, griechisch: symbollon, wie der Begriff sagt, aufzulösen, um die mit dem Licht gemalte Wahrheit auch noch dem Verstand einleuchtend zu machen.

2) Der Begriff der Aufklärung leitet sich ab aus dem Bild des Sich-Aufklarens, etwa eines bewölkten, verhangenen Himmels und ist selbst metaphorisch: Licht und Klarheit in das Dunkle oder Vernebelte bringen. Licht war seit Urzeiten schon ein Symbol der Erkenntnis: Einem geht ein Licht auf, man hat einen Geistesblitz. Den Durchblick haben, heißt nicht nur, die Gesetze der Natur zu durchschauen, sondern auch die Herrschaftstechniken, mit denen Menschen die Tatsache, dass sie über Ihresgleichen herrschen, durch ideologische oder religiöse Schwindeleien zu verdecken suchen

Seite 3
Besonders der Hirnforscher D. B. Linke 3) hat vor einiger Zeit auf die physikalischen Zusammenhänge des Denkens mit dem Licht und der Malerei hingewiesen. Die Begriffe des Geistesblitzes, der Idee und der Theorie (beides altgriechische Begriffe für das Sehen) haben das schon lange vor der Hirnforschung gewusst. Die folgende Analyse versteht sich so als Rückübersetzung des Symbolisierten in diskursive Sprache. Die Anstrengung der Bildanalyse besteht anders als die der Psychoanalyse darin, dass sie es mit einem Ding, Objekt, zu tun hat, aus dem sie die über die Subjektivität der Künstlerin vermittelte objektive Wahrheit herauszuspüren hat.

Platons Diffamierung der Künstler

So, als hätte er es geahnt, dass manche Maler viel mehr von der Wahrheit erfassen und verstehen als er selbst, dass sie über die Wirklichkeit aufklären, hat Platon die Maler beschimpft, diffamiert und erniedrigt. Er hat dies so heftig getan, dass man ein persönliches Problem dahinter vermuten muss. Über solche Abwehrmechanismen hat die Psychoanalyse einiges Treffende gesagt, und es wird im folgenden gezeigt werden, dass er und viele seiner Kollegen triftige Gründe dafür hatten.

Platon lässt kein gutes Haar an den Malern: Meilenweit seien sie von der Wahrheit entfernt, sagt er in der Politeia, wo er – am Beispiel eines Bettgestells (!) – drei Arten der Bildnerei unterscheidet 4) (597): Der Gott – und dem steht Platon als Philosoph selbstverständlich am nächsten – macht den Begriff des Bettgestells, also das „wahrhaft seiende“ Bettgestell. Dieses erkennt der Philosoph dann mit Hilfe der Vernunft. Vermutlich hat Platon in diesem göttlichen wahrhaft seienden Bettgestell nicht besonders gut geschlafen, sonst wäre er nicht auf solche Gedanken gekommen: Der Tischler, ein Nachahmer, verfertigt ein Bettgestell oder mehrere. Der Maler eines Bettgestells aber hat weder Ahnung von dem Begriff des Bettgestells noch von der Herstellung eines Bettgestells, was für Platon die Nachbildung des Begriffs ist, sondern er bildet lediglich das Nachgebildete nach, ähnlich wie auch die Dichter das tun.

3) Kunst und Gehirn, Reinbek, 2001
4) Platon, Sämtliche Werke – in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, Rowohlt, 11. Aufl., 1967, Band III, Zehntes Buch, S. 288ff

Seite 4
Das wäre ja vielleicht noch gar nicht einmal so schlimm. Aber damit keine Zweifel aufkommen, äußert sich Platon dann sehr deutlich: „Selbst also schlecht und mit Schlechtem sich verbindend erzeugt die Nachbildnerei auch Schlechtes.“ (Politeia, 603 b). Das heißt: Die Maler bringen nur Schlechtes hervor! – Das schöne Bild!!

Das Wahre, Gute & Schöne: anders als gedacht!

Der Philosoph Platon ist, auch wenn er es noch so oft behauptet, kein Freund der Wahrheit. Denn schon die Begriffe gut und schlecht sind schlecht – nämlich für die Wahrheit! Es muss differenziert werden, und die Frage muss lauten: Für wen ist etwas gut oder schlecht?

Das Bild „Der Zeitgeist der Philosophen“ klärt auf über die Philosophen, und deshalb ist es gut für die Wahrheit und damit für die Menschlichkeit, abgesehen davon, dass es einfach auch das Auge erfreut. Für Platon selbst und sein Lebenswerk: das Verhüllen, die Epikalypse von Wahrheit, ist dieses Bild der Malerin Yvonne van Acht schlecht, weil es nämlich aufklärt über die viel gepriesenen „Väter“ der abendländischen Philosophie. Aufklärung gilt, besonders dem christlichen Glauben, der in der Tradition Platons steht, als Teufelszeug: Luzifer, der Lichtbringer, der Aufklärer ist der Teufel, und das Essen vom Baum der Erkenntnis hat der christliche Gott aus gutem Grund verboten.

Kunst als Medium der Erkenntnis

Die Philosophie hat dann auch – selbst in ihrer idealistischen Version – diese Abwertung der Kunst nicht aufrecht erhalten können, und so gesteht ihr denn beispielsweise Kant in seiner Kritik der Urteilskraft zu, dass insbesondere die Malerei „in die Region der Ideen eindringen“ kann, und Schiller überbietet dies noch deutlich, indem er Kunst für die Menschen als ein Medium der Erkenntnis fasst: „Nur durch das Morgentor des Schönen
Drangst du in der Erkenntnis Land.

Was wir als Schönheit hier empfunden,
Wird einst als Wahrheit uns entgegenstehen.“ 5)
5) F. Schiller, Die Künstler, Schillers Werke, Insel, Ffm, 1966, Band 3, S. 69f

Seite 5
Hegel hat es dann im 1. Band seiner „Vorlesungen über die Ästhetik“ plausibel auf den Begriff gebracht: „Das Schöne ist die Idee als unmittelbare Einheit des Begriffs und seiner Realität…“ 6) – der Gegensatz zu Platons Behauptungen – , auch wenn Hegel dann etwas einschränkt, indem er darauf hinweist, dass „diese ihre Einheit unmittelbar in sinnlichem und realem Scheinen da ist.“ Dafür ist das Bild aber ja auch schön, und es macht Spaß, es zu betrachten.

Philosophen in ihrem Element: der Luft

Die Philosophen im Pusteblumenhimmel: Die Altmeister der abendländischen Philosophie schweben – im Bild – in der Luft. Und da gehören sie auch hin! Das hat die Künstlerin meisterhaft gekonnt dargestellt. Wieso fallen die denn eigentlich nicht ‘runter? Gut, sie stehen oder bewegen sich auf einem Stück Baumstamm, der ja zwar im Wasser schwimmt, aber keineswegs sich in der Luft halten kann. Für die Philosophen gilt das, was M. Onfray so schön über die Engel gesagt hat: Sie sind völliger Un-Sinn, entsinnlicht, auch sexuell. Die philosophischen „Freunde der Geschlechtslosigkeit“ 7) wollen: „Die Menschen in einen Engel, die Materie in eine Idee verwandeln. 8) Vom asketischen Ideal hatte bereits Nietzsche in seiner Genealogie der Moral gesprochen und es überzeugend kritisiert.

easy rider in the sky

Ist im Bild surreal das physikalische Gesetz der Schwerkraft aufgehoben? Die Luft ist – traditionell etwa in der christlichen Vorstellung von Pfingsten – das Medium des Geistes. Das wäre ein erster, wenn auch recht luftiger, windiger, abstrakter, weil idealistischer Zusammenhang, der allerdings auch wieder etliches verdecken würde. Für die Physiker gäbe es nur eine Möglichkeit: Die beiden sind etwa so schwer oder leicht wie Luft: easy rider in the sky. Sind sie etwa oder haben sie sich gar aufgeblasen? Durch die Konturen/Linien, aus denen die beiden gebildet sind, ist der Himmel zu sehen, die beiden sind also durchsichtig, diaphan und damit durchschaubar. Sie sind sie Luft, Luftgebäude des Geistes, Wolkenkuckucksheimerbauer und –bewohner, und nicht alles, was um ihre Köpfe schwebt, sind Pusteblumen, zu manchen könnte einem auch Georg Christoph Lichtenbergs Begriff der Windeier einfallen.

6) G. W. F. Hegel, Werke in zwanzig Bänden,Theorie Werkausgabe, Suhrkamp, 1970, Band 13, S. 157
7) M. Onfray, Der sinnliche Philosoph, Ffm, New York, 1992, S. 88
8) M. Onfray, Der sinnliche Philosoph, Ffm, New York, 1992, S. 93

Seite 6
Jedenfalls sind sie dem Irdischen entrückt, so und so: Sie sind an ihrem Ziel, das sie zumindest „gepredigt“ haben: befreit vom Körper, der für sie eine unerträgliche Last – keinesfalls eine Quelle der Lust – war, wie sie jedenfalls behauptet haben: entleibt, verseelt. Dem Irdischen also sind sie fast entrückt, damit also auch der Materie: Es gibt keine Materie, die nicht schwer ist, selbst die leichte Luft hat noch Schwere. Aufzuheben bleibt also das Problem des verletzten Naturgesetzes. Das gelingt mit Hilfe von Ethymologie und Mythos: Materie heißt übersetzt: Mutterstoff, und die Erde, die – bis auf ihre Pflanzenkinder: Löwenzahn und Baumstamm – aus dem Bild verschwunden ist, ist Gaia, die Mutter aller Dinge – während der frühe dunkle Philosoph Heraklit, nur den Vater aller Dinge nennt: den Krieg . Wenn die Philosophen da oben in der Luft hängen, haben sie sich von der Mutter, von den Frauen getrennt, befreit, so hätten sie das wohl selbst genannt.

Schwere und Leichtigkeit

Warum? Was ist so schlimm, so gefährlich an der Mutter, an der Frau? Frauen sind doch attraktiv, ziehen die Männer normalerweise an! Anziehungskraft, Schwerkraft, lateinisch Gravitation, ist hier, wie gesagt und im Bild zu sehen, aufgehoben. Gravis aber steckt auch in: Gravidität, was Schwangerschaft bedeutet, und gravid ist der medizinische Fachbegriff für: schwanger. Jetzt wird’s bei so viel Schwere schwierig – könnte man meinen. Eigentlich nicht! Aber für die beiden Philosophen schon: Platon spricht vom „Leib als Gefängnis der Seele“. Und wenn sein Leib, er also, Seele, verseelt zumindest, ist, kann sein Gefängnis doch nur seine mit ihm schwangere Mutter gewesen sein. Da war es ihm zu eng. Von dem Begriff Enge ist der der Angst abgeleitet. Die Enge ist er jetzt los: Er schwebt in der unendlichen Weite des Himmels, wo, wie Reinhard Mey zu singen weiß, die Freiheit „wohl grenzenlos ist“. Platon, der große Philosoph, war er etwa ängstlich, hatte er Angst etwa vor Frauen?

Globaler Ödipus

Wer schützt vor der die Freiheit einengenden („Gefängnis“!) Mutter? Die Philosophen sind beim Vater im Himmel, bei dem sie sich sicher fühlen. Uranos heißt der Vater aller irdischen Lebewesen im Mythos.

„Es war, als hätt‘ der Himmel die Erde still geküßt …“ -

Seite 7
so hat der Romantiker Eichendorff das mit Worten romantisch schön ins Bild gesetzt. Aber die beiden, Gaia und Uranos waren bekanntlich ja kein Traumpaar. Uranos war mit den gemeinsamen Nachkommen, unter anderem den Titanen, nicht so ganz zufrieden und hat sie deshalb zurückgeschickt an ihren Ursprung, zur Mutter Erde, in die Unterwelt, den Unterleib der Gaia. Die hat sich als gute Mutter das natürlich nicht gefallen lassen und hat – historisches Frühstadium des Ödipuskomplexes – ihren jüngsten Sohn Kronos mit einer Sichel ausgerüstet, und dieser hat sie dann damit an der Männlichkeit seines Erzeugers nachhaltig gerächt und hat selbst die Herrschaft übernommen: das Goldene Zeitalter beginnt – bis er von seinem Sohn Zeus dann selbst auch wieder entmachtet wird. 9)

Idealistische Philosophie als ödipale Todesabwehr

Die Nähe zur Frau, zur Mutter, ist für den Mann gefährlich: Ödipus ist daran gescheitert. Und jeder kleine Junge, spekuliert Freud ohne besondere Rücksicht auf historische Entwicklungen, muss im Leben eine ganz wesentliche Aufgabe lösen: die Nähe zur Mutter aufgeben, sich von seiner Mutter lösen, damit er selbst-ständig werden, auf eigenen Füßen stehen lernen kann, womit es der „Schwellfuß“ Ödipus ja auch besonders schwer hatte.10) Während er vor seiner Geburt eine mannweibliche, androgyne Einheit mit der Mutter war, war das Leben für ihn paradiesisch: In Platons Gastmahl ist diese Einheit als Kugel verbildlicht (Wieder ein symbolischer Hinweis auf den Bauch der schwangeren Frau!), eine Gestalt, die als vollkommen bezeichnet wird, die dem Göttlichen nahe ist. Nach der traumatischen Vertreibung aus dem mütterlichen Paradies – wie es bisweilen empfunden werden kann – in die Kälte und Not der Welt, die auch durch beste mütterliche Fürsorge nie aufgehoben werden kann, bleibt die Erinnerung und das Streben nach Ver-innerung, also nach Rückkehr zum Ursprung, nach Regression, nach Wiedervereinigung der Zweiheit, nach Aufhebung der Differenz, nach Indifferenz. Diese Rückkehr wäre jedoch auch eine in das Nicht-Sein, in den Tod: Tartaros, die Unterwelt, als Leib der Mutter Erde, wie oben bereits angedeutet. Dieser Wunsch macht Angst, seine Erfüllung wäre die Aufhebung jeglichen Spielraums, Raums: absolute Enge.

9) Zeus hatte sich in dieser gewaltigen Titanenschlacht schließlich durchgesetzt. Seine mächtigste Waffe war der Blitz, freilich noch nicht der Geistesblitz der Aufklärung, sondern das wüste Zucken oder Einschlagen war verbunden mit schreckenerzeugenden Donnerschlägen.
10) Ödipus ist, was Freud gar nicht besonders thematisiert hat, quasi die Frucht einer „Vergewaltigung“ seines Vaters Laios: Denn dieser war, auch wenn Aischylos das bestreitet, der „Erfinder“ der Knabenliebe. Laios hatte sich in den Jüngling Chrysippos verliebt, der aber von seiner Stiefmutter umgebracht worden ist. Das Orakel hatte Laios ausdrücklich vor einem Sohn gewarnt, weil der ihn töten werde. Vom Volk dazu berufen

Seite 8
Das bestimmt als Gefühlsambivalenz das Verhältnis aller Männer zu den Frauen. Die Stärke der Angst läßt Rückschlüsse zu auf die Stärke des Rückkehrdrangs. Das setzt Abwehrmechanismen frei. Anna Freud hat diese aufgelistet und ausführlich beschrieben, aber dabei hat sie trotz der genannten Rationalisierung und Intellektualisierung wenigstens einen vergessen: die idealistische Philosophie: Nietzsche hat das dagegen schon erahnt: In der Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik (Geburtsthematik!) bezeichnet er die Wissenschaft, und damit ist auch die Philosophie gemeint, als „eine feine Notwehr gegen – die Wahrheit“.11)

In dem Bild verbildlichte These: Idealistische Philosophie ist ein Abwehrmechanismus – gegen den ödipalen Rücksog und Rückzug!

Weiber-Herr-schaft

Abwehrmechanismen sind Ich-Funktionen, die, laut Psychoanalyse, im Dienste des Lebens, des Eros, der Todesabwehr stehen. Platon und Aristoteles lebten in einer Zeit, in der das Patriarchat noch nicht so gesichert war, wie die „Herren der Schöpfung“ das gerne gehabt hätten: Archeologisch belegt ist beispielsweise, dass der Hera-Altar in Olympia der älteste Altar gewesen ist. Die „Spiele“ von Olympia waren ursprünglich ein matriarchaler Kult zu Ehren der Großen Mutter. Die Männer eiferten darum, der Beste zu sein, denn dieser wurde der großen Mutter vermählt: hieros gamos. Nach dem Vollzug dieser heiligen Hochzeit wurde er dann geopfert und zwar nicht gerade sanft: Kannibalismus war offensichtlich eher ein Phänomen des s Matriarchats. Einschlägige Hinweise finden sich beispielsweise im Dionysos-Mythos. Ranke-Graves deutet ihn als Heiligen König, „den die Göttin“ … „mit einem Blitz tötete“12) … „und den ihre Priesterinnen verschlangen.“ … „und den ihre Priesterinnen verschlangen.“ Doch hier hilft Zeus seinem Sohn: „Dionysos’ Wiedergeburt durch seinen unsterblichen Vater machte ihn selbst unsterblich.“ 13)

wurde er zum Herrscher über Theben und hat damit auch Iokaste geehelicht, hat sich aber des Beischlafs mit seiner Gattin enthalten, so zumindest eine Version des Mythos, die ihn aber einmal mit Wein berauscht und sich dann die Schwangerschaft von ihm „erschlichen“ hat, die dann zu dem vom Orakel geweissagten Unglück geführt hat. Auch dass Laios seinen ungewollten Sohn hatte töten lassen wollen, hat ihm nichts genützt. Vgl.: Karl Kerènyi, Die Mythologie der Griechen, Band 2, Die Heroen-Geschichten, 19. Aufl. 2001, S. 77ff !
11) Nietzsche, Kritische Studienausgabe Colli, Montinari (Hrsg.), Mü, 1988, Band 1, S. 13
12) Interessant: Die Waffe und das Herrschaftszeichen des Obermacho Zeus in der Hand einer Frau!
13) Robert von Ranke Graves, Griechische Mythologie, Reinbek, 7. Aufl., 1974, Band 1, S. 47 f; vgl. dazu auch: S. 95!

Seite 9
Die Übermacht des Zeus, der seine Gattin Hera durch seine vielen erotischen Eskapaden lächerlich macht, scheint ein Versuch des Patriarchats gewesen zu sein, die eigene Unsicherheit zu kompensieren, was dann als (angstbedingte) Überkompensation erscheint, ähnlich wie auch die spätere Regel, dass die Frauen von den olympischen Spielen auszuschließen seien.

Mag sein, dass die beiden Philosophen auch unter einer Mutter gelitten haben, die ihnen nach der Geburt die Luft, in der sie nun in dem Bild hängen, genommen hat, so dass ihnen ihr Versuch, selbst-ständig zu werden, noch mehr zu schaffen gemacht hat als anderen, ähnlich wie es ihrem Vorgänger Sokrates mit seiner Ehefrau ergangen sein soll. Nietzsche hat über Xanthippe, die Gattin des Platon-Lehrers Sokrates, die zum Synonym für eine unausstehliche Frau geworden ist, gesagt: „Tatsächlich trieb ihn Xanthippe in seinen eigentümlichen Beruf immer weiter hinein.“ Paradoxerweise hat sie das dadurch erreicht, dass sie ihn vom Philosophieren abhalten wollte, worauf WilhelmWeischedel hinweist.14)
Festzustellen ist jedenfalls eine merkwürdig distanzierte Haltung sowohl gegenüber der Materie als auch gegenüber der Frau, was ja, wie oben behauptet, im Prinzip und vom Namen her, das gleiche ist:

Die Frau als Fluch der Götter

Platon behauptet, „eine Frau zu sein müsse ein Fluch der Götter sein; denn diejenigen Männer, die sich im Leben nicht zu beherrschen wußten, sondern feige und ungerecht waren, würden zur Strafe dafür nach ihrem Tode als Weiber wiedergeboren.“15) (Weischedel, S. 39). Deshalb ist es für sie sicherer, sich fernzuhalten von den Frauen: Der Begriff der platonischen, also ungeschlechtlichen Liebe ist ja allgemein bekannt. Die Ehe sieht Platon als rein funktional für die Polis an: Den besten Männern sollen die besten Weiber beiwohnen, damit der Polis der beste Nachwuchs garantiert sei. Frauen gelten ihm zudem als gemeinsamer Besitz der Männer. In seiner Griechischen Mythologie schreibt Ranke-Graves: „Mit der Ausbreitung der platonischen Philosophie degenerierte die bis dahin intellektuell dominierende griechische Frau, …, zu einer unbezahlten Arbeiterin und Gebärerin von Kindern.“ Das ist idealistisch gedacht, aber weist zumindest auf den zeitlichen Zusammenhang hin.

14) Wilhelm Weischedel, Die philosophisch Hintertreppe, München, 1975, S. 29
15) Zitiert nach: Wilhelm Weischedel, a. a. O., S. 39
16) Ranke Graves, a. a. O., S. 103

Seite 10
Ganz so platonisch ist es der Überlieferung nach bei der Liebe, auch vieler Philosophen, damals aber nicht immer zugegangen, allerdings unter Ausschluss der Frau: Erwachsene Männer hatten nicht selten eine erotisch sinnliche Beziehung zu einem Knaben: homoerotisch und pädophil.

Sklaven als Lebensbedingung – ein Philosoph als Ramschware

In Platons Akademie, in der er junge Männer zum Philosophieren (Wir sind ja gutgläubig!) um sich geschart hatte, war Aristoteles als Siebzehnjähriger eingetreten, ist dort zwanzig Jahre geblieben und hat seinen Lehrer auch schon ‘mal als „Gott“ bezeichnet17) , also als jemanden, der über den Dingen steht, im Himmel schwebt, wie auf dem Gemälde zu sehen ist. Wenn man Gott versteht als Herrn über Leben und Tod, ist man schon wieder bei der Mutter, die dem Kind das Leben geschenkt hat und die es vor dem Tode bewahrt, indem sie es versorgt. Genau das, was die Mutter für den Säugling leistet: ihn mit Nahrung versorgen, ihn schützen und ihm zu Diensten sein, damit es sich entwickeln kann, das haben zu Platons Zeiten die Sklaven geleistet. Ohne sie wäre Philosophie nicht möglich gewesen, weil die Arbeitsteilung die Bedingung ihrer Möglichkeit ist. Das „vergessen“ die meisten Philosophen nur allzu gerne! Das gilt auch für Platon, der zwar über die Berufe einiges sagt, die zum Befriedigen der Bedürfnisse unverzichtbar sind: er nennt Nahrung, Wohnung, Kleidung und dergleichen18) , diese aber dann trotzdem wieder aus seinem philosophischen Bewusstsein verdrängt! Ohne die Arbeit ihrer Sklaven hätten sie gar keine Zeit und Kraft zum Philosophieren gehabt, weil sie die materiellen Mittel für ihr Überleben selbst hätten herstellen müssen! „Laut Vico führt der Weg der Kultur, …, von den Wäldern über Hütten, Dörfer und Städte zu den Akademien. Eine weitausladende Bewegung, die Wälder auf großer Fläche wegwischt… Felder und Viehweiden sind Schritte auf dem Weg zur Akademie. Der Bauer bereitet den Boden für eine Menschendichte, die nötig ist, um aus ihrer Mitte Akademien entstehen lassen zu können… Der Energieaufwand, der Stoffverbrauch, für die instituierte Intellektualität ist immens.“19) Allein vom Schauen der Ideen, wie es Platon anstrebt, wird man nie und nimmer satt. Ironie des Schicksals: Als alter Mann soll Platon als Sklave verkauft worden sein – zu einem Preis, der sich allerdings pragmatisch an der Brauchbarkeit des Philosophen bemessen hat und deshalb mehr als gering gewesen sein soll!

17) Vgl. dazu: Weischedel, a. a. O., S. 51!
18) Platon, Sämtliche Werke – in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, Rowohlt, 11. Aufl., 1967, Band III, Politeia, 369b ff, S. 106ff
19) Günter Dobler, Das Weltknäuel Mensch – über den Zusammenhang von Mensch und Natur, Norderstedt, 2010, S. 168

Seite 11
Todeslob der Todesverächter

Platon und Aristoteles sind konsequent und gründlich: Sie distanzieren sich nicht nur von der Materie, der Mutter, den Frauen, sondern auch von deren Stellvertretern, den Sklaven. Und Angst vor dem Tod haben sie schon gar nicht, weil sie ihren Körper, wie gesagt, nur als Last empfinden, wie sie sich selbst und anderen einzureden versuchen. Sie gehen zwar nicht so weit wie der Parmenides-Schüler Melissos, der dem Körper das Sein abgesprochen hat und zwar (vereinfacht) so: Der Körper ist veränderlich.
Sein ist unveränderlich.
Also kann der Körper kein Sein haben.

Man fragt sich, womit der Herr Philosoph denn gedacht und gesprochen hat und wieso er dem Körper den Prädikator „ist“, im Infinitiv also „sein“, zugesprochen hat.
Aber: Platon lässt den Sokrates dem Alkibiades gegenüber einige geistige Klimmzüge machen, um schließlich zu behaupten, dass der Mensch Seele sei und dass Geist und Seele über den Körper herrschen. Im Kratylos (400 c) hat er behauptet, dass der Körper das Gefängnis der Seele sei (soma sema). Und im Phaidon (66 c) heißt es: „Der Leib macht uns tausenderlei zu schaffen.“ „Uns“ kann ja dann nur die Seele(n) meinen, und verräterischerweise ist nicht sie das Subjekt des Satzes, sondern der (deshalb!) verpönte Körper. Dieser muss verschwinden, sagt Platon wenigstens: Zum Ziel, zur höchsten Erkenntnis, kommen wir nämlich erst im Tod, meint er, wenn der Gott uns vom Leib befreit hat. Ähnlich äußert sich auch Aristoteles im Protreptikos: Nur Geist und Einsicht sind unvergänglich und deshalb göttlich, und wörtlich sagt er: „Also muss man entweder Philosophie betreiben oder dem Leben den Abschied geben, da alles andere Nichtigkeiten und Possen sind.“ Reichlich unverschämt daran ist, dass er diesen Blödsinn nur deshalb erzählen kann, weil er von diesen „Nichtigkeiten“ lebt, weil gerade nicht alle philosophieren, sondern für ihn Nahrung, Kleidung, Haus usw. produzieren. Wenn alle philosophieren würden, wäre die Menschheit schon ausgestorben – wegen der Philosophie, welche Frauen und Körper verachtet. Die beiden Philosophen geben sich ganz cool: als Todesverächter!

Der Philospophen-Wille zur Macht

Frauenverächter, Sklavenarbeitsverächter, Körperverächter, Todesverächter – das kann man nur sein, wenn man sehr viel abzuwehren, zu verleugnen, zu rationalisieren usw. hat!

Seite 12
Dahinter muss doch etwas ganz wesentliches stecken! Und Platon macht auch gar kein Geheimnis daraus, was er – kompensatorisch – will: Macht will er! Die Philosophen sollen Könige sein! Das verlangt er in der Politeia. Und damit er sich der Macht auch sicher sein kann, versucht er sie zugleich abzusichern: Er nennt es den größten Frevel“, der den „größten Schaden für die Stadt“ zur Folge hat20) , wenn einer nicht bei dem Beruf bleibt, der ihm von Natur aus bestimmt ist. Keiner soll also dem Philosophen die Herrschaft streitig machen dürfen. Deshalb muss er konsequent auch die Demokratie ablehnen. Und Aristoteles hat sicher auch nicht gerade zufällig den kleinen Alexander, der als Dreizehnjähriger zu ihm gekommen ist, so erzogen, dass der zum Großen wurde, zum mächtigsten Mann der damaligen Zeit, wie man so sagt.
Wenn es den beiden Meisterphilosophen wirklich nur um das Erkennen, bzw. um das Philosophieren gegangen wäre, wie sie behauptet haben, hätten sie ja eigentlich nicht darauf warten müssen, bis ein Gott sie von ihrem Leibe befreit. Das hätten sie auch selbst tun können, wenn sie gewollt hätten! Stattdessen sind sie denn in die Öffentlichkeit gegangen. Wieso haben sie versucht zu missionieren?! Das passt zusammen mit der Priesterherrschaft, griechisch: Hierarchie!

Himmelfahrt der Philosophen

Christentum ist Platonismus für’s Volk, hat Nietzsche weise formuliert: Der verletzte, gequälte, getötete Gekreuzigte verkündet: Der Körper kann ruhig verschwinden, wichtig ist doch nur das Seelenheil. Und Frauen hat er ja auch nicht nötig gehabt, außer der einen, ohne die auch in der Religion nichts geht, wenn sie glaubhaft sein will: die Mutter. Aber die ist platonisch konzipiert: Eine christliche Entsprechung der platonischen Liebe ist die Josephs-Ehe – beide ohne Sex!21) Und die Erde kann der, der in den Himmel, seine „ewige Heimat“, auffährt, sowieso vergessen. Es ist vollbracht: Die Philosophen im Himmel: schwerelos, körperlos, frauenlos, reiner Geist im Geiste. In dem Film Matrix hat ihnen Neo, der darin als Retter der Menschheit bezeichnet wird und aus dessen Namen Scrabble-Spieler locker einen Gott machen können: (the) ONE, das am Ende des ersten Teil mit seiner Himmelfahrt nachgemacht. Das ist doch Quatsch! Richtig! Das geht ja auch gar nicht! Naturwissenschaften und Freud sind sich darin einig wie selten: In der Natur geht nichts verloren, und auch das Verdrängte kann nicht verschwinden, kehrt also wieder.

20) Platon, Sämtliche Werke – in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, Rowohlt, 11. Aufl., 1967, Band III, Politeia, 434c, S. 160
21) Empfangen hat die Gottesgebärerin Maria ihren Sohn Jesus vom Heiligen Geiste. Na schön! Das verrät ja auch, was es mit Gott auf sich hat: Gott sozusagen als Ausgeburt des Geistes, wie schon Feuerbach vermutet hatte: Nicht Gott hat die Menschen gemacht, sondern die Menschen haben Gott gemacht: erschaffen aus ihrem Geiste.

Seite 13
Und auch das weiß die Künstlerin und hat es überzeugend ins Bild gesetzt: Frau/Mutter, Körper/Materie und Tod sind abgebildet! Nur wo?

Der Kurzschluss des Mannes mit dem Geist – mit sich

Die beiden Philosophen schweben in der Luft, körperlos und doch durchscheinend körperhaft, in der Schwebe zwischen Leben und Tod, haben mit dem Elend und der Not der Welt nichts zu tun, schweben über den Dingen, die Luft für sie sind. Luft, war oben behauptet worden, steht für den Geist. Philosophie auch. Deshalb ist auch noch kein Philosoph vom Himmel gefallen Der Geist bei sich selbst, auf sich selbst bezogen, das Männliche bei sich, homoerotisch oder autoerotisch reflexiv?

Wo bleiben die Frauen?? Männerphantasien

Jedenfalls sind sie nicht im Himmel. Frauen, wie echte Philosophen-Männer sie sich wünschen, Frauen in philosophisch männlicher Vorstellung, in der Idee: Büchner legt es in seinem Lustspiel Leonce und Lena dem Prinzen Leonce in den Mund: „Ich habe das Ideal eines Frauenzimmers in mir und muss es suchen…“ Na, da hätten wir ja lange suchen können! Im Kopf des Mannes steckt es, allerdings nur das Ideal: „Sie ist“, so fährt der Prinz fort, „unendlich schön und unendlich geistlos … dieser geistige Tod in diesem geistlosen Leib.“ (II,1)22). Das ist doch aber unmöglich: Wie soll in diesem Geistwesen Philosoph etwas Geistloses stecken! Und noch etwas: Wenn Schönheit wesentlich Gestalt und Form ist, ist sie doch auch schon wieder, gemäß abendländischer Philosophietradition, Teil des Männlichen! Aber: Was hatte Zeus denn im Kopf, als er Hera ausgetrickst hatte: Athene. Hephaistos als Geburtshelfer musste sie ihm aus dem Kopf schlagen! Aber was für eine Frau! Die Jungfräuliche ist ihr Beiname. Bewaffnet und unnahbar! Und nicht zufällig ist sie die Haus- und Schutzgöttin der Philosophen. Sie lässt die Männer in Ruhe denken, wenn sie ihr nicht zu nahe kommen.

Vielleicht ist die Frau ja doch in der Hölle, in der Unterwelt, dem Dunklen, Unaufgeklärten, im Unbewussten! Da müsste sie zumindest sein, wenn es nach den Männern ginge: Ist die Frau doch die Verkörperung des Bösen, die leibhaftige Versuchung, also hätte sie den ihr gemäßen Platz beim Leibhaftigen, dem Gegensatz (räumlich!) zu den Philosophen im Himmel:

22) Georg Büchner, Werke und Briefe, München, dtv, 6. Auflage, 1985, S. 105

Seite 14
Alle – von Männern phantasierten – Mythen machen ja die Gefährlichkeit und Boshaftigkeit der Frauen anschaulich, die alle Übel in die Welt bringen (Pandora, Eva) und die Menschheit, die Männer besonders, ins Verderben stürzen. Männer wenigstens, nicht nur fiktive Prinzen wie Bei Büchner, wünschen also Frauen, die so aussehen, wie die Männer es wollen: „unendlich schön“ und genau das tun, ohne zu denken, was die Männer wollen und ihnen sagen: „unendlich geistlos“! Aber so sind die Frauen ja in Wirklichkeit nicht, sondern nur im Ideal (des Prinzen) – leider oder zum Glück? Wie hieß noch die Differenzierung: „für wen?“!

Drei Auswege – in die Sackgasse

Wenn nun die Frauen aber nicht so sind, wie von den Männern gewünscht, gibt es nur drei Möglichkeiten:

1. Der Mann macht sich die Frauen selbst: Er schneidet sie sich, wie ein Gott, aus den Rippen. Die Philosophen gebären sie, standesgemäß, wie Zeus, aus dem Kopf). Der hinkende Muttersohn ohne Vater: Hephaistos hat zu seiner Unterstützung goldene Mägde geschmiedet. Pygmalion hat sich eine Marmorbraut aus dem Stein geschlagen. Weitere Versuche sind: die biblische Eva II ( nach den göttlichen Fehlversuchen der unausstehlichen Eva I und Lilith), Olympia, Professor Spalanzanis wunderschöne Tochter, in die sich Nathanael in E. T. A. Hoffmanns Sandmann zu seinem Verderben unsterblich-sterblich verliebt und die modernen Jeden-Manns-Geschöpfe, die weiblichen Cyborgs und Avatare, etwa Lara Croft. Nicht mehr nur Philosophen schaffen heute ihre Traumwelten!

2. Der Mann geht zu Prostituierten oder unterstützt die Pornoindustrie: Frauen wie gewünscht. Und vor allem ungefährlich: Die tun ihnen nichts, weil sie sie ja gekauft haben.

3. Der Mann emanzipiert sich von den Frauen, wie bereits beschrieben wurde, so dass der Mann die Frau erst gar nicht nötig hat. Freud hatte hinter der Männlichen Homosexualität noch die unbewusste Angst des Mannes vor der Übermacht der Mutter gesehen, die den kleinen Jungen und später auch den erwachsenen Mann noch so sehr ängstigt, dass die sich mit Männern ver- oder begnügen. Inzwischen ist dies, laut WHO, jedoch weder als Perversion noch als Krankheit anzusehen, sondern als normal.

Seite 15
„Der Zeitgeist der Philosophen“ – ein Abbild des Verdrängten

Wo aber sind nun die Frauen, wenn sie nicht in den Köpfen der beiden Philosophen stecken, nicht in der Unterwelt, nicht im Himmel – Maschinen- oder Marmorfrauen sind ja auch nicht zu sehen?

Die Pflanzen als Mutter

Was bleibt, sind die Wolken und die Pflanzen!
Die beiden Starphilosophen der Antike sehen nicht gerade so aus, als würden sie auf Wolke Sieben schweben.
Wolken verkörpern (!) etwas Lebenswichtiges: Wasser. Sie verbinden Wasser und Luft, beides unverzichtbare Voraussetzungen für Leben. Aus dem Wasser, da sind die Biologen sich ziemlich einig, stammt alles Leben (zu dem Baumstamm und seiner Bedeutung für das Leben gleich mehr!). Vor ca. 3,5 Milliarden Jahren sind wohl die ersten einfachen Lebewesen entstanden, darunter auch schon recht früh die Cyanobakterien, die anderen Lebensformen etwas wesentliches voraushatten und deshalb in der Evolution erfolgreich waren: Sie konnten ihre Nahrung selbst herstellen, waren autotroph. Dazu brauchten sie das, was damals im Überfluss vorhanden war: Sonne, Wasser und Kohlendioxid: sie beherrschten die Photosynthese: die Herstellung von Traubenzucker- und Stärkemolekülen. Ausgeschieden haben sie dafür damals ein Gift, nämlich Sauerstoff und zwar in riesigen Mengen. Den lernten im Laufe der Zeit andere Lebewesen für sich nutzen: Einzeller, Algen, später Landpflanzen und Tiere haben sich gebildet. Mit dem Übergang auf das Land musste auch die geschlechtliche Vermehrung der Pflanzen und Tiere sich verändern: Der Wind übernahm seinen Part dabei. In der griechischen Mythologie findet sich noch bei Homer die spekulative Vorstellung, dass die weiblichen Pferde ihr Geschlecht gegen den Wind gedreht haben und von ihm befruchtet worden sind.23)
Für Pflanzen freilich ist der Wind wirklich bedeutsam, indem er den wenig Beweglichen hilft, den Raum zu überwinden. Wie viele andere Pflanzen nutzt auch der Löwenzahn nach seiner Befruchtung durch Insekten diese Hilfe für die Verbreitung seiner Samen äußerst erfolgreich. Die Nachahmung des Windes macht schon den jüngsten Menschenkindern nicht wenig Spaß: Sie pusten den Löwenzahnsamen in die Luft.

23) Robert von Ranke Graves, Griechische Mythologie, Reinbek, 7. Aufl., 1974, Band 1, S. 153

Seite 16
Auf dem Bild sind zu sehen ziemlich viele solcher Pusteblumen und Stücke eines Baumstammes, beide als Pflanzen im Hinblick auf den Stoffwechsel (Kohlendioxid und Sauerstoff) Gegenlebewesen zu den Tieren und Menschentieren, also auch zu den Philosophen, die über bzw. auf ihnen platziert sind.
Wurde oben gesagt, dass Sklaven für die Philosophen das leisten, was die Mutter für das Kind leistet, so gilt das noch mehr und ganz fundamental für die Pflanzen: Sie sind die nährende, schützende Mutter!

Verdrängung der Schuld

Kaum auf der Welt, nach dem Trauma der Geburt noch gar nicht abgenabelt, lebt das Kind schon von dem, was die Pflanzen hergestellt haben: Der erste Schrei markiert die Umstellung der Sauerstoffversorgung: von der Vermittlung über die Nabelschnur zum ersten selbständigen Atmen.

In ihrem Buch Sonnenfresser bringt es S. Paulsen auf den Punkt: „Ohne Pflanzen wären wir nichts.“24) Wir leben auf deren Kosten, aber die Pflanzen nicht unbedingt auf unsere. Ein Schuldverhältnis also, das man gerne mal verdrängt als Philosoph. Wieso gibt es so gut wie keine Philosophie der Pflanzen! Im Bild jedenfalls sind Pflanzen deutlich präsent. Die Mutter hat sich von Pflanzen ernährt oder von Tieren, die Pflanzen gefressen haben und ist nur so in der Lage, den Säugling nach seiner Ernährung durch die Plazenta zu stillen. Schon die Kinder wissen, dass der Löwenzahn, wenn man seine Blüte oder die Pusteblume abpflückt, aus dem Stängel eine weiße Flüssigkeit, die oft Milch genannt wird, absondert. Jetzt läge es ja nahe, angesichts der eben formulierten These, dass die Pflanzen Mutterersatz sind, hier einen direkten wenigstens symbolischen Zusammenhang zu behaupten. Jedoch bekommt gerade diese „Milch“ den Menschen nicht, wenn auch die Blätter essbar sind, sogar gesund sein sollen.

Einseitiger Nutzen

Aber nicht nur für die Ernährung sind Pflanzen unverzichtbar: Sie leisten noch ziemlich viel Nützliches:

24) Susanne Paulsen, Sonnenfresser, Wie Pflanzen leben, Reinbek, 2003, S. 9

Seite 17
  • Holz ist eins der ältesten Baumaterialien und dient zudem wie andere Pflanzenabkömmlinge: Torf, Kohle, Erdöl usw. zum Heizen.
  • Holzspäne, -scheite, Wachs und Öl dienen der Beleuchtung.
  • Wenn der Säugling schreit, hilft in manchen Fällen Fencheltee. Noch immer sind die meisten Medikamente pflanzlichen Ursprungs, und den Pflanzenstoffen vertrauen die meisten Menschen mehr als der Chemie. Parfüms und Kosmetikprodukte fast aller Art haben eine pflanzliche Basis. Bürsten, Besen und anderes nützliche Gerät bisweilen auch.
  • Aus planzlichen Materialien besteht häufig die Kleidung, und bei Wolle, Seide oder Fellen waren die Tiere eher ein Medium.
  • Autos und andere Vehikel fahren mit Benzin, das aus Erdöl raffiniert wird, an dessen Entstehung Pflanzen auch nicht ganz unbeteiligt waren, besonders am modernen Biosprit. Der inflationär von Politikern verwendete Begriff nachwachsende Rohstoffe und die riesigen Urwaldflächen, die täglich auch dafür zerstört werden, was man unsensibel, aber treffend als “Ab-holzen“ bezeichnet, verraten so einiges über den marktwirtschaftlichen Umgang mit der Pflanzenwelt: Die Zeit, in der ein Eichhörnchen von Dänemark bis nach Gibraltar von Baum zu Baum hüpfen konnte, ohne den Boden zu berühren, sind schon sehr lange vorbei! Und daran sind, wie oben gesehen, die Philosophen auch nicht ganz unschuldig.
  • Ohne Gewürze und Zucker würde alles recht mäßig schmecken, und es gäbe wohl kaum eine Kochkunst.
  • Wie trostlos wäre ein Leben in pflanzenlosen Sand- oder Steinwüsten! Und wie sehr freuen sich viele Menschen im Frühling über das erste Grün und an dem Duft und der Farbenfreude der Blüten.
  • Und wenn das marktwirtschaftlich deformierte Leben allzu unerträglich wird, stehen uns die Planzen auch hier schon einmal bei, „veredelt” zu Kaffee, Tee, Kakao, Süßigkeiten, zu Bier, Wein und Schnaps: „Wer Sorgen hat, hat auch Likör” – hat Wilhelm Busch einst formuliert. Und wenn es noch schlimmer kommt, greifen einige zu Produkten aus Hanf oder Schlafmohn.
Seite 18
  • Ein Tipp noch für die Philosophen, die nicht auskommen ohne Buchstaben, Papier, Schreibtisch: Die haben alle etwas mit Pflanzen zu tun.
  • Viele Philosophen möchten zwar die Welt verändern, haben aber gar keine Chance – im Gegensatz zu den Pflanzen: Kolumbus hat, auf der Suche nach Pfeffer, Amerika entdeckt, aus dem dann ganz andere Pflanzen eingeführt worden sind, die die Welt erheblich verändert haben, etwa Tomaten, Kartoffeln und Tabak.
  • Menschen selbst können, anders als Pflanzen, Sonnenenergie nicht direkt in Nahrung verwandeln. Zucker und Stärke sind gespeicherte Sonnenenergie und damit gespeicherte Negentropie, die uns vor dem entropischen Zerfall bewahrt.

Pflanzen und Philosophen

„Ohne Pflanzen sind wir nichts” ist oben bereits zitiert worden. Und so ganz sind auch die Philosophen theoretisch nicht an ihnen vorbeigekommen: Aristoteles hat Pflanzen empirisch beobachtet und auch wohl einiges darüber notiert, was jedoch nicht überliefert ist. Von seinem Schüler Theophrast dagegen ist ein Werk erhalten über das Thema: Ursachen des Pflanzenwuchses (Paulsen, Sonnenfresser, S. 34)25). Und der Leibesverächter Sokrates, Platons Lehrer, wollte sich nicht helfen lassen, sondern hat sich durch eine Pflanze töten lassen, indem er den Schierlingsbecher letztlich absichtlich getrunken hat: pflanzliche Sterbehilfe.

Pflanzen und die meisten Philosophen haben aber auch etwas gemeinsam, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven: Sie sonnen sich gerne, stehen gerne im Licht; die einen, weil sie es zum Überleben brauchen, die anderen aus Eitelkeit. Platon ist so berühmt, gerade weil er, entgegen seiner Behauptung, nie aus seiner finsteren Höhle herausgekommen ist. Ins „rechte” Licht haben ihn diejenigen gerückt, in deren Kram seine Philosophie so gut passt – und das sind, nach den Christen, auch heute nicht wenige, deshalb sind seine Phantasien ein ever-green. Denn die herrschenden Gedanken sind die Gedanken der Herrschenden, wie einer gesagt hat, dessen Name auf einem der Löwenzahnstängel geschrieben steht. Beide, Pflanzen und idealistische Philosophen, sind keine aufklärenden Lichtbringer, sondern eher Verdunkler der Welt.

25) Susanne Paulsen, Sonnenfresser, Wie Pflanzen leben, Reinbek, 2003, S. 34

Seite 19
Pflanzen wachsen der Schwerkraft entgegen, zur Sonne. Anders als die meisten Philosophen sind sie jedoch bodenständig, in der Erde, ihrem Ursprung verwurzelt. Ihre Wurzeln wachsen, zumindest ein Stück weit, in die Gegenrichtung, in Richtung der Schwerkraft, weg von der Sonne. Diese Philosophen dagegen haben sich, wie gesagt, teilweise aus dem niederen Motiv, sich selbst zu erhöhen, entwurzelt. Als Verächter des Leibes sind sie der Erde nicht treu geblieben, wie es Nietzsche im Zarathustra mit Nachdruck gefordert hat.

Der Wind, der Wind – eifersüchtig auf ein Kind

Die Künstlerin hat sie deshalb in den Himmel erhoben.
Da stehen sie nun und lassen sich den Wind um die Ohren wehen und um die Nase. Oh! Der Westwind, Zerpyros, hat nicht nur mit Isis den Eros erzeugt, wofür wir Nichtphilosophen jedenfalls ihm zutiefst zu danken haben, weil wir ihm so unsere Existenz verdanken. Auch hat er mit einer Harpyie zwei unsterbliche Pferde gezeugt, sondern er hatte es auch schon einmal auf Männer abgesehen: Als Apoll den schönen Jüngling Hyakinthos im Diskuswerfen trainiert hatte, ist der Westwind derart eifersüchtig geworden, dass der den Diskus des Hyakinthos mitten im Flug gefangen und ihn mit Macht gegen diesen zurückgeschleudert hat. Tödlich am Kopf getroffen brach der junge Mann zusammen, und aus seinem Blut ist eine Hyazinthe gewachsen. Eine solche ist hier auf dem Bild nicht zu sehen, aber die beiden Philosophen sind ja auch nicht mehr so jung und auch nicht besonders sportlich, und schön sollen sie auch nicht gerade gewesen sein.

Dafür sieht man aber umso mehr Löwenzahn! Über den gibt es allerdings in der klassischen griechischen Mythologie meines Wissens keine Entstehungsgeschichte. Auch zum Baumstamm findet sich dort nichts Nennenswertes, dafür aber in der germanischen Mythologie, mit der die Künstlerin, wie ja ihr Parzifal-Bild aus dem gleichen Zyklus zeigt, auch sehr vertraut ist.

Bäume und Menschen

Odin hatte einst zwei vom Meer angespülte leblose Baumstämme gefunden: askr, meist mit Esche übersetzt, und embla, entweder Ulme oder Erle. Diesen beiden hat er dann Atem eingehaucht, Verstand, Haare und Gesicht gegeben und damit die beiden ersten Menschen geschaffen: aus askr den Mann und aus embla die Frau: Geschlechtergleichwertigkeit bei den Germanen also. Welchen der beiden Stämme die Künstlerin ins Bild gesetzt hat, ist für einen Laien nicht genau auszumachen.

Seite 20
Dass es aber die Esche ist, ist nicht sehr wahrscheinlich: Yggdrasil, die Weltenesche, deren Zweige bis in den Himmel reichen, ist auf dem Bild nicht zu erkennen, ebenso wie der Adler, der in deren Zweigen wohnt. Im übrigen, den (beiden) Philosophen in’s Stammbuch geschrieben: Die Quelle der Weisheit entspringt am Fuße des Weltenbaums, nicht in der Luft!
Also ist davon auszugehen, dass die beiden, die nicht auf Frauen gestanden haben, auf der Frau stehen, auf embla. Zudem sind in der germanischen Tradition die einzelnen Bäume fast alle weiblichen Geschlechts: die Eiche, die Esche, die Ulme usw..
Genial hat also Yvonne van Acht die Philosophen doch auf ihren Ursprung gestellt, wenn es auch auf den ersten Blick auch nicht so ausgesehen hat. Das Verdrängte weilt mitten unter (bildlich!) ihnen, hat sich allerdings einer Metamorphose unterziehen müssen.

Wie der Umgang mit Frauen – so der mit Bäumen

Bäume stehen in der germanischen Tradition den Frauen, dem Weiblichen sehr nahe: Lou Andreas-Salome, die Freundin Nietzsches und frühe Schülerin Freuds hat das in Die Erotik sehr schön formuliert: „Vielleicht ist dem Weibe nach urewigen Gesetzen das Los geworden, einem Baum zu gleichen, …, in seiner blühenden, reifenden, schattenspendenden Schönheit.” 26)
Das ist für manche Männer unerträglich: Wie die christlichen Nachfolger Platons gegen die Frauen, so haben sie auch gegen die Bäume gewütet 27) , ganz anders als die Germanen, die beide verehrt haben: „Allgemein sahen die Germanen in den Frauen etwas Heiliges, Vorschauendes und verehrten sie.” 28)
Im Jahre 724 nach der christlichen Zeitrechnung hat dann der christliche Fundamentalist Bonifatius, der dafür folgerichtig auch noch heiliggesprochen worden ist und so seinen Platz im Himmel hat, wohl nicht weit von dem Platons und Artistoteles’, als symbolischen Höhepunkt der brutalen Christianisierung Germaniens die dem Donar geweihte Eiche bei Geismar in Hessen gefällt.

26) Lou Anderas-Salome, Die Erotik, Vier Aufsätze, Berlin, Wien, 1985, S. 24
27) Damit haben sie zugleich gegen ihren eigenen Ursprung, ihr eigenes Unbewusstes gewütet! Vgl.dazu:Günter Dobler, Das Weltknäuel Mensch – über den Zusammenhang von Mensch und Natur, Norderstedt, 2010, S. 114: „Gehst du in den Wald, entdeckst du deine unbewussten Gründe. Es sind die tiefen Wurzeln, die in der Natur liegen. Die Psyche steht mit einem Bein im Morast.“
28) Hermann Jens, Mythologisches Lexikon, München, 1964, S. 131

Seite 21
Die Marienblume

Ganz genau und präzise dazu passend hat die Künstlerin gerade Löwenzahnpusteblumen ins Bild gesetzt. In der Antike hat es zwar auch schon Löwenzahn gegeben, wie archeologische Funde belegen, aber wie gesagt keinen speziellen Mythos dazu. Eine große Rolle spielt diese Blume jedoch in der Hoch-Zeit des Christentums, in welcher Aufklärung ja bekanntlich lebensgefährlich war. Denn einerseits glaubten zwar die Christenführer an die Macht des Wortes, sowohl des biblischen als auch des aufklärenden, so dass sie sich andererseits nicht auf ihre eigene Überzeugungskraft verlassen haben, sondern kritische Geister sicherheitshalber doch lieber getötet haben.

Faszinierend ist, mit welch’ sicherer Intuition die Künstlerin gerade diese Blume ausgesucht hat: Um das zu zeigen, jetzt doch noch ein kurzer Abstecher in die Kunstgeschichte – unter sicherer Führung einer Symbolforscherin: Löwenzahn ist ein Symbol für „die christliche Lehre und deren Ausbreitung.”29) Es ist im Mittelalter die Blume Marias, der angeblichen Gottesmutter: „… im beginnenden 15. Jhdt. fehlte Löwenzahn auf fast keinem Tafelbild in der Nähe Marias.” Im Kölner Wallraf-Richartz-Museum hat die genannte Autorin entdeckt:„Auf einigen Bildern von Christi Geburt sind die Blütenknospen noch geschlossen. Im Verlauf seiner Lebens- und Leidensgeschichte schreitet auch die Entwicklung der Blüten und Früchte fort. Auf einem Auferstehungsbild sind alle Samen flugbereit oder schon ausgeflogen.” 30)

Löwenzahn und Himmelfahrt

Nochmals: Es ist schon ziemlich genial, dass die Künstlerin genau dieses Stadium zeigt, passend zu den Philosophen im Himmel! Und das ist noch einmal getoppt durch ein weiteres Detail: Löwenzahn hat die Möglichkeit zur Jungfernzeugung. Das heißt, dass selbst ohne Staubgefäße und Narben Früchte und Samen entstehen können: Jungfernzeugung. Platon und Aristoteles, die die Mutter, die Frauen, verdrängt haben, sind phantasmatisch genauso ihr eigener Ursprung, causa sui, wie der christliche Gott, der ihnen, wie gesagt, historisch notwendig gefolgt ist. Denn wenn Gott alles ist, muss er ja auch sein eigener Ursprung sein.

29) Marianne Beuchert, Symbolik der Pflanzen (Ffm und Leipzig, 2004, S. 191).
30) ebenda

Seite 22
Und Maria scheint nur ein (fauler) Kompromiss zu sein 31) , aufgesetzt auf die Dreiheit: Vater, Sohn und Heiliger Geist, lateinisch: spiritus sanctus. Spiritus bedeutet Wind und auch Geist. Und zu Recht: Der philosophische Geist von den Sophisten über Sokrates, Descartes, Kant Heidegger bis zu Sloterdijk und Co., ist genau so windig, wie der Wind. Die Früchte, Löwenzahnsamen und solche philosophischen Werke, die Platon seine unsterblichen Kinder nannte, sind Tauschwerte ohne Gebrauchswert für die, die lohnarbeiten müssen, also für sie: Windeier und sonst nichts.

Dünger für die Philosophen

Löwenzahn wächst, wie auch die Philosophie, in der Nähe menschlicher Siedlungen, denn er mag und benötigt mehr als die meisten anderen Pflanzen den Stickstoff. Marktwirtschaft erzeugt keine Windeier, außer wenn sie zum Geschäftsmittel taugen, sondern handfeste und ungesunde Fakten: Böden, die mit Stickstoffdünger und anderen wenig gesunden Substanzen überlastet sind. Davon lebt der Löwenzahn so gut, dass er auf manchen Wiesen unbeabsichtigt fast schon zur Monokultur neben dem Gras geworden ist. Auch Philosophen haben in der Marktwirtschaft Hochkonjunktur: Man denke beispielsweise nur an die inzwischen zahllosen Ethik-Kommissionen, die mit immensen moralischen Bedenken fast jede Unverschämtheit absegnen.
Aber kein Grund, sich aufzuregen! Unkraut vergeht nicht – das weiß man schon länger. Man muss damit leben und kann es auch: Löwenzahn sieht ja eigentlich ganz schön aus, und die idealistischen Philosophen gestalten ihre Windeier so, dass sie besonders hübsch sind und erbaulich anzuhören oder zu lesen. Sie müssen her, weil der christliche Glaube doch etwas angeschlagen ist und auch nicht mehr ganz glaubwürdig.

Der machtlose Weltgeist

Löwenzahn blüht fast überall, gehört also nicht ausdrücklich zu denjenigen Blumen, die am Rande des Weges wachsen, auf dem der Weltgeist voranschreitet. Dieser Weltgeist, der, wie Hegel bildhaft gemacht hat, so viele Blumen zertritt, mag und kann den Löwenzähnen nicht Schlimmes anhaben. Wieso sollte er aber auch! Beuchert weist darauf hin, dass es für Löwenzahn „mehr als einhundert Volksnamen” 32) gibt.

31) Vieles deutet darauf hin, dass das Christentum eine durch und durch weibliche Religion ist! Vgl. dazu beispielsweise das Kapitel: „Die Botschaft Jesu war weiblich“ aus: Margarethe Mitscherlich, Die Zukunft ist weiblich, München, Zürich, 1990, S.19ff !
32) a. a. O.

Seite 23
Einer davon, der zu meiner Kinderzeit im Rheinland so verbreitet war wie der Löwenzahn selbst, den man nie ganz ohne moralische Bedenken aussprechen konnte: Pissblume. Darin ist enthalten der Hinweis auf den Stickstoff und darauf, dass diese Blumen keinen höheren Wert haben: Sie wachsen eben, und mancher Hund hebt daran sein Bein. Diogenes, der in einer Tonne, ohne WC also, gelebt haben soll, dieser alte Kyniker (von kyon, der Hund), wird Löwenzähne wohl als Gartenblumen um sich gehabt haben.

Philosophen – es gibt sie eben!

Und auf Erden tun sie keinem etwas und im Himmel erst recht nicht. H. M. Enzensberger hat ein Gedicht verfasst, das von der Hoffnung der Wortkünstler handelt und von Pappelsamen, die ähnlich sich auf den Wind verlassen wie die Löwenzahnsamen:

windgriff

manche wörter
leicht
wie pappelsamen

steigen
vom wind gedreht
sinken

schwer zu fangen
tragen weit
wie pappelsamen

manche wörter
lockern die erde
später vielleicht

werfen sie einen schatten
einen schmalen schatten ab
vielleicht auch nicht

Seite 24
Wahrscheinlich eher nicht! Denn wie Löwenzähne immer wieder nur Löwenzähne hervorbringen, wenn sich sonst nichts wesentliches ändert, so bringen Philosophen höchstens auch wieder nur Philosophie hervor. An der Beschaffenheit der Welt ändern beide nichts! 33) Von der Erde haben fast alle Philosophen sich ja zu weit entfernt, dass sie sie lockern könnten, oder wie oben schon anders gesagt: aus ihrem Schatten-Höhlenreich sind Platon und auch fast alle seine Kollegen nicht ans Licht gelangt. Immerhin hängen sie ihre Früchte, Bücher, in den Markt und hoffen auf eine frische Brise, die sie verbreitet, wohin und wozu auch immer: Tauschwerte die keinen Zwecke haben als ökonomische.

Was Philosophen zu sagen haben

„Der Zeitgeist der Philosophen“ – treffender hätte Yvonne van Acht den Titel nicht wählen können: Sind sie im Wind oder durch den Wind – egal, sie sind verschwunden in den Himmel, schwindsüchtig, leicht wie Löwenzahnsamen, und genießen die Freuden der “Leichtigkeit des Seins” – wenn es denn welche sind, so allein unter Männern, ganz ohne Frauen!

„Lasst Blumen sprechen!“ sagt man, „Philosophen ruhig auch!“ wäre zu ergänzen: Die einen haben nicht viel zu sagen, die anderen viel Nichtssagendes.

Zum Glück aber gibt es ja noch richtig gute Kunst!

33) Hegel, der Vollender der idealistischen Philosophie hat das immerhin erkannt: Freiheit ist für ihn die Einsicht in die Notwendigkeit. Und mit seinem „Weltgeist“ hat er eine „Figur“ geschaffen, die als höchste Form des Geistes auch das Ende der idealistischen Geistesphilosophie in sich fasst, indem er, dialektisch konsequent, in seinen Gegensatz umschlägt: Der Weltgeist ist so dann nichts anderes als die materielle Bewegung, die die Gegensätze von Herrschaft und Knechtschaft notwendig aufhebt, sobald diese zu heftig geworden sind. So gehen wir notwendig aus dem „Reich der Notwendigkeit“ (Engels) in das Reich der Freiheit über.
Der Autor:
Hermann Stölb, Studium der Philosophie und Germanistik in Düsseldorf von 1971 – 1978, Staatsexamina 1978 und 1980, Arbeit als Studienrat am Gymnasium, Gründungsmitglied des Vereins Psychoanalyse und Philosophie von 1996 -2012, Psychoanalytisch fundierte Weiterbildung bei Prof. Dr. R. Heinz von 1999 bis 2009, Ausbildung zum Psychologischen Berater in Wuppertal von 2009 – 2011, Beratertätigkeit an der Schule von 2008 – 2012, Vortragstätigkeit, Veröffentlichungen: Neurowissenschaft und Schule, in: R. Heinz, Chr. Weismüller, Neurowissenschaften und Philosophie, Düsseldorf, 2008; Gedanken zur Ausstellung „Die Landschaft und die Einsamkeit“ von Jörg Kratz, Haan, 201

Das Werden des Helden

von Otto Pannewitz

„Das Selbst ist ein Kreis, dessen Mittelpunkt überall und dessen Peripherie nirgends ist. Und wissen Sie auch, was das Selbst für den westlichen Menschen ist? Es ist Christus, denn Christus ist der Archetypus des Helden, er steht für das Höchste menschliche Streben.“ 1)
Mehr...
Helden der Mythologie, der Sagenwelten, der Religionsgeschichte und Antike treten seit längerem in Yvonne van Achts Bildwerken zutage, so auch in ihren jüngsten Arbeiten. Doch geht es ihr nicht um Historienmalerei oder Erzählungen à la Homers Odyssee, sondern vielmehr um die Mneme 2) der kollektiven Bildwelten der Menschheit, die sich unabhängig von Regionen und Kulturen zu allen Zeiten überall finden lassen und die Carl Gustav Jung, der Begründer der Tiefenpsychologie, in jedem Menschen wirksam sieht. Für ihn sind diese Archetypen Teil der Individuation, der Menschwerdung schlechthin, nicht nur als innere Bilder der Träumenden, jener der realen Welt Entrückten, sondern vor allem auch als bildgewordene Symbole der Menschheit, die er in zahlreichen Studien erforschte. 3)

Und so steht für die Künstlerin Yvonne van Acht im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit diesen prägenden und eingeprägten Elementen der Menschheitsgeschichte, die vor allem auch als Bilder der Kunst und deren Geschichte zu allen Zeiten gegenwärtig sind, der Mensch an sich. Im Mittelpunkt steht dessen Prozess der Individuation, seine Menschwerdung, die, wie es schon im Gegensatzpaar des Titels zu Yvonne van Achts hier vorliegender Werkpräsentation anklingt, ein Widerspiel von Gut und Böse, von Dunkel und Hell, von Abtauchen und Vergehen als auch von Aufsteigen und Erneuerung, ja Selbstfindung auf höherer Ebene ist. Diese dem Menschen wie dem Helden, als scheinbar übermenschlicher Figur, eigene Dopplung innerhalb seiner unbewussten wie bewussten Existenz findet sich in den Bilder, die Yvonne van Acht auf Leinwand und Papier bringt.

In „Sophokles‘ Laokoon“ beispielsweise bannt die Künstlerin in einem bewusst zeichnerisch-druckgrafisch-malerischen Duktus eine Art Grisaille jener berühmten Kopie der im Original verschollenen Plastik des trojanischen Priesters Laokoon und seiner Söhne auf die Leinwand. Das Originalwerk ist ebenso verschollen wie die im Bildtitel genannte Sophoklessche Laokoon-Tragödie, die im Weiteren der Laokoon-Darstellung in der Aeneis des Vergil gewichen ist, um schließlich in Gotthold Ephraim Lessings Abhandlung „Über die Grenzen der Malerei und Poesie“, 1766, als Bildwerk in den Rang einer bildgewordenen Katharsis von Laokoons Lebensgeschichte erhoben zu werden. Van Achts Laokoon vereinigt all diese Elemente der Geschichte und Rezeptionsgeschichte des tragischen Helden, in dem die innere Dopplung von Gut und Böse etwa sich äußerlich in den Ereignissen widerspiegelt, die Laokoons irdisches Leben beenden. Eingetaucht in einem farbig eruptiven, fließenden und ausfließenden, kaum gegenständlich fassbaren Raum zwischen erdigem Dunkel und lichtem Weiss-Gelb-Grau, führt der skizziert zitierte Held seinen letzten Kampf mit dem dunklen Dämon der malerisch-plastisch modulierten Schlange, die sich selbst seit der Legende vom Sündenfall bildgeschichtlich vor allem als Archetypus des Bösen und Dunklen etabliert hat. 4)

Der tragische Held Laokoon, der im Spiel der Götter sein Leben verliert, steht dennoch oder gerade deshalb für jene unbeirrbare Überzeugung eines in seiner Menschwerdung vom Ich zum Selbst gelangten Menschen.

Die Allgemeingültigkeit seiner bildlichen Symbolkraft drückt Yvonne van Acht – wie auch in anderen Werken dieses Themenkreises – in einem einer Druckgraphik gleichenden malerischen Stil aus, der in dieser Erscheinungsweise eine mögliche und tatsächliche Multiplizität eines unveränderten Bildes über Zeiten und Kulturen hinweg nach Außen trägt, die sich bis heute, etwa im Comic oder Trickfilm, so oder zumindest so ähnlich erhalten hat. Zugleich sind diese „Zitate“ oftmals von transparenter Erscheinung, vom malerischen Grund durchdrungen und in dieser Transparenz von überzeitlicher Natur. Darin ist van Achts Bildsprache auf Verbindung von Vergangenem und Heutigem angelegt, wie es sich vor-bildlich etwa in „Die Badenden“ zeigt. Hier treffen zwei von Peter Paul Rubens „Drei Grazien“ auf dem Antwerpener Marktplatz auf eine heutige Grazie, die ihr Heutesein in ihrer Umhüllung präsentiert, in ihren Gebärden und ihrer Haltung aber mit in der Vollendung und dem Glücksgefühl der historisch erinnerten Grazien aufgeht.

Van Achts grundsätzlich in ihrem Werk aufgeworfene Fragen – Was macht den Menschen aus? Was bedeutet Menschlichkeit? Was ist Unglück oder Glück? – beantwortet sie, sofern möglich, in ihren in heutige Bildwelten transferierten und zugleich transformierten Gestalten aus dem Bilderschatz der Menschheitsgeschichte, die sie in zumeist schwebenden Räumen von Blütenpracht, provenzalischen Landschaften, Monetschen Seerosen, aber auch kargen Gegenden aus der Urzeit der Erde auftreten lässt.

Was beispielsweise bedeutet ein Heroe der Geistesgeschichte wie Aristoteles uns heute? Ist diese Bedeutung für unser Menschsein noch von gleicher Relevanz wie zu Zeiten der Renaissance, in der ein Raffaello Santi zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit seinem Fresko der Schule von Athen in der Stanza della Segnatura im Vatikan ein Hohes Lied auf die Philosophie anstimmt, indem er die Geistesgrößen der philosophischen Denkschule des antiken Griechenlands versammelt, das den Menschen der Renaissance als Ursprung der europäischen Kultur und deren Wissenschaften galt? Im Zentrum dieses Werkes steht Platon in der Gestalt von Leonardo da Vinci neben seinem Schüler Aristoteles.

In van Achts „Zeitgeist der Philosophen“ finden sich diese Figuren Raffaels als wiederum im zeichnerischen Duktus gemaltes, zugleich transparent erscheinendes „Zitat“ in eine Himmelslandschaft von Blau-Weiss gesetzt. Sie stehen auf einem Stück Natur, einem Baumstamm, der seinerseits malerisch ebenfalls als „Zitat“ markiert ist. Sie sind umgeben von Früchte tragenden Löwenzahnblütenköpfen, den Pusteblumen, deren Früchte als Schirmflieger durch das Bild wehen und sich hier symbolhaft verbreiten wie die Gedanken des Philosophen Aristoteles aus seiner Nikomachischen Ethik, die er in seiner linken Hand hält. In diesem Werk sucht Aristoteles einen Leitfaden an die Hand zu geben, mit dem zu erlernen sei, wie man ein guter Mensch wird und ein glückliches Leben führt. Das höchste Gut, das ein Mensch erreichen kann, ist die Glückseligkeit, die sich im seelischen Glück manifestiert und die wir Menschen um ihrer selbst Willen erstreben. 5)

Die aristotelische Vorstellung von Menschwerdung, die aus der inneren Tätigkeit der Seele im Sinne ihrer inneren Güter, der Tugenden, und der äußeren Tätigkeit eines vollkommenen, kontemplativen Lebens erwächst, kennt somit – in einer anderen Deklination – ebenso eine innere und äußere Form dieses Prozesses, wie sie C.G. Jung über zwei Jahrtausende später in seiner Vorstellung der dreifachen Schichtung des Seelenlebens in einer Schicht des kollektiven Unterbewussten, des persönlichen Unterbewussten und des Bewusstseins entwickelte.

C. G. Jung hat in diesem Menschwerdungsprozess des Menschen vom Ich zum Selbst als psychischem Vorgang des Eintauchens in das Unbewusste und dem Aufsteigen aus dem Unbewussten in die Bewusstheit der Existenz zahlreiche Parallelen zur Religion und zur Alchemie aufgetan, deren Stufen der Individuation jenen der Tiefenpsychologie durchaus vergleichbar sind.

Yvonne van Acht geht mit der ihr eigenen eindrücklichen Art mit Szenen aus dem erstmals 1550 gedruckt erschienenen, mit Holzschnitten bebilderten „Rosarium Philosophorum“ 6) diesem Weg der Menschwerdung im Sinne der Alchemie nach, die diesen auf zehn Stufen beschreitet. Damit unterstreicht sie einmal mehr ihr umfassendes Interesse an der menschlichen Entwicklung sowohl im historischen wie auch im heutigen Kontext.

Und nicht von ungefähr finden sich schließlich parallel dazu Textseiten aus CG Jungs Biographie 7) als Bildträger von Yvonne van Achts Gedankenskizzen, wie die Künstlerin diese zeichnerischen Notationen selbst nennt und die sie mit Tagebuchschreiben vergleicht, bei dem innere Bilder, Gedanken der Erinnerung nach außen getragen werden. In 40 Teilen begibt sich die Künstlerin auf „Die Reise des Helden“ und bezeichnet darin einen Individuationsprozess. Die Reise des Helden ist ein Grundmotiv vieler Märchen, Mythen und Legenden, in denen einer auszieht, um ein großes Werk zu vollbringen. Die Reise des Helden steht symbolhaft für den Lebensweg des Menschen. Dieser von Yvonne van Acht gezeichnete Individuationsprozess berührt sich hin und wieder mit C.G Jungs darunter liegenden Textpassagen, findet in der zeichnerischen Formulierung Parallelen zu dessen tiefenpsychologischen Betrachtungen als auch zur alchemistischen Lehre, die in vielfachen Varianten auf uns gekommen ist. Dennoch ist hierin eine selbständige Bilderfolge entstanden, gleichsam die ins Bewusstsein sichtbar gemachte, bis dahin unbewusste Biographie eines oder des Menschen. Denn die Biographie eines Menschen ist auch die Biographie seines Unbewussten, seiner Träume und seines inneren Erlebens, das Bilder evoziert gleich den Archetypen, die C.G. Jung aus weit über zehntausend Traumuntersuchungen als jene von Allgemeingültigkeit gefiltert hat und mit denen Yvonne van Acht der Entwicklung des Menschen Gestern und Heute ausdrucksstark nachspürt.

Anmerkungen

  1. C.G. Jung (1875 – 1961). In: C.G. Jung im Gespräch, Interviews, Reden, Begegnungen. Von Carl G. Jung, Robert Hinshaw, Lela Fischli. Einsiedeln 1986, S. 258
  2. In der Kunstgeschichte hat Aby Warburg (1866 – 1929) mit seinem Bilderatlas „Mnemosyne“, der nur als Rekonstruktion innerhalb der Gesamtausgabe seiner Schriften existiert, den Versuch unternommen, mit Hilfe von Bildern das Weiterleben der Antike in der europäischen Kultur zu dokumentieren, also eine Art von kollektivem Bildgedächtnisnachweis zu führen. Warburg gilt als Begründer der kunstwissenschaftlichen Ikonologie. Marfred Warnke u. C. Brink (Hg.). Der Bilderatlas MNEMOSYNE. Berlin 2000
  3. Siehe: C.G. Jung (Hg.). Der Mensch und seine Symbole. Olten 1968
  4. Nach C.G. Jung enthält die Legende vom Sündenfall eine tiefe Lehre: „ist sie doch der Ausdruck eines dunklen Gefühls, dass die Emanzipation des Ichbewußtseins eine luziferische Tat darstellt.“ In: C.G. Jung. Bewußtes und Unbewußtes. Frankfurt/M. 1979, S. 117
  5. Immanuel Bekker (Hg.). Aristotelis opera. 2 Bände. Berlin 1831 ff.
  6. Das „Rosarium Philosophorum secunda pars alchimiae…“ (Rosengarten der Weisheit) wurde vermutlich im 13. Jahrhundert von Arnaldus de Villanova verfasst. Als anonym veröffentlichter Druck erschien es 1550 als zweiter Teil des alchemistischen Werkes „De Alchemia Opuscula complura veterum philosophorum quorum catalogum sequens pagella indicabit…“ in Frankfurt.
  7. Siehe: Erinnerungen, Träume, Gedanken von C. G. Jung. Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé. Zürich/Stuttgart 1962

Im Sirenenwald

Katalogtext zu den Arbeiten von Yvonne van Acht

von Jürgen Raap

Die Wälder, die Yvonne van Acht malt, entbehren jeder Romantik. Zwar gibt es in dem Bilderzyklus über die vier Tageszeiten weiße Frühlingsblütenblätter zu sehen („Mittags“, 2006) und in der Arbeit „(Jagdzauber“, 2006) gelb-buntes Herbstlaub, aber dieses wild zerzauste Blattwerk stellt keine bildliche Chiffre für die malerische Schönheit und erhabene Herrlichkeit der Natur dar wie in der klassischen Landschaftsmalerei. Denn in diesen „Sirenenwäldern“ stehen auf den Lichtungen große puppenhafte Figuren mit Megaphontrichtern, und aus solchen Lautsprechergeräten dröhnen unaufhörlich Parolen. In der Mythologie der Antike sind Sirenen bekanntlich Mischwesen aus Mädchen und Vogel. Yvonne van Acht stellt sie jedoch als entseelte roboterhafte Wesen dar, deren Oberkörper auf eine Stange montiert ist. Sie haben nichts mehr gemein mit den antiken Sirenen Himeropa („sanfte Stimme“) oder Parthenope („Mädchenstimme“), sondern sie gemahnen eher an das durchdringende Geheul von Alarmapparaten.
Mehr...
Der unerträglich laute Schall peitscht die Blätter durch das Szenario wie ein heftiger Sturm, er zerfleddert dieses Blattwerk – niemand kann sich dieser alles durchdringenden Propaganda entziehen. Die Menschen halten sich die Ohren zu und versuchen in dem zerstobenen Blätterwirbel davon zu laufen oder sich hinter Bäumen zu verstecken, doch es gelingt ihnen nicht. Ein derart sturmumtoster Wald mit mächtigen, bedrohlich wirkenden Baumstämmen ist wahrlich kein Ort der lieblich-idyllischen Ruhe und kontemplativen Besinnlichkeit, nein, es ist ein eher monströser, düsterer, unheimlich wirkender Wald, mit undurchdringlichem Dickicht: Eine solche Bildatmosphäre erreicht Yvonne van Acht durch die Betonung einer malerischen Tiefenwirkung und durch die kulissenhafte Anlage der Bildhintergründe.

Vor allem die „Dämonische Barlandschaft“ (2006) und die „Dämonische Bürokratielandschaft“ (2006) sind als Bühnensituation komponiert. Im Zentrum stehen eine Bartheke und ein Behördenschalter. Eine Sirene als Barfrau bedient drei Trunkenbolde, von denen der eine im Rausch bereits zusammengesunken ist und seinen Kopf mit der Hand auf der Tresenplatte abstützt. Vor dem Schalter gebietet eine Absperrkordel Distanz zur Obrigkeit – die Schaltersirene posaunt von ihrem Platz aus mit stolz aufgerichtetem Oberkörper ihre Botschaften hinaus, umrahmt von großen länglichen Lautsprecherboxen, während seitlich ein Untertan als „Schmerzfigur“ demütig-ängstlich zusammen gekauert auf einem Baumstamm hockt. „Es ist verboten, seinen eigenen Weg zu gehen“ (2006), lautete eine dieser Parolen. Man denkt beim Anblick dieser Bilder an die Konformitätszwänge totalitärer Gesellschaften, wie sie Aldous Huxley („Brave new world“) und George Orwell („1984“) beschreiben. Die Technik dringt als Herrschaftsinstrument brutal in ursprünglich unberührte, natürliche Lebensräume ein – da werden die Behördenschalter im Wald penibel durchnummeriert und mit Computerbildschirmen bestückt. Es sind Wälder, in denen nur die noch ganz jungen Bäume Repräsentanten eines natürlichen Wachstums und einer möglichen freien Entwicklung sind – doch auch die werden irgendwann zurecht gestutzt.

Der deutsche Wald, Inbegriff der viel besungenen Romantik des 19. Jh. und Handlungsraum der Märchenwelten mit ihren Kobolden, Geistern und Hexen, ist heute ein künstlich aufgeforsteter Nutzwald, in welchem die Bäume in Reih und Glied stehen wie beim Soldatenappell auf dem Kasernenhof. Ständig-plärrige Wiederholungen der immer gleichen Botschaft sind Merkmal der Konsumwerbung und der totalitären politischen Propaganda. Die solchermaßen mit einem Wortschwall zugedröhnten, entmündigten, ihrer Individualität und ihrer Identität beraubten Menschen (in Gefängnissen und Straflagern bekamen die Insassen anstelle ihres Namens früher eine Nummer verpasst) werden zu rot-violett gekleideten Schmerzfiguren.

Diese Schmerzfiguren hocken oder stehen auf abgeholzten Baumstümpfen als Sinnbild für die Unterwerfung und Knechtung der Natur, die hier parabelhaft als Freiheitsraum erscheint. Insofern steht Yvonne van Acht in der Tradition einer Kunst und Literatur, die seit dem 18. Jh. das „Wilde“, „Ursprüngliche“ und „Unberührte“ immer wieder als metaphorisches Idealbild und utopisches Gegenmodell zur zivilisatorisch gebändigten modernen Gesellschaft begriffen hat. Galt – etwa bei Schillers „Die Räuber“ – eine solche künstlerische Gesellschaftskritik zunächst dem Feudalismus und dem manierierten Konventionalismus des Spätbarock, so focussieren sich im 20., Jh. die Vorstellungen von persönlicher Freiheit auf eine Auseinandersetzung mit der modernen Massengesellschaft, in der sich auch die Macht anonymisiert. Zwar zelebrieren totalitäre Diktaturen gerne einen bizarren Personenkult, aber im Alltag ist diese Herrscherperson dem Untertan gemeinhin medial entrückt – er hat es stattdessen real nur mit den Satrapen, d.h. mit solchen „Sirenen“ als verlängertem Arm einer strukturellen Macht zu tun, und selbst in unseren heutigen Demokratien geht die Ausübung von politischer und ökonomischer Macht oft mit einem Meinungsterror einher, der via Massenmedien unverhohlen ausgeübt wird. Dass Yvonne van Acht ihre Kindheit in der DDR verbracht hat (beim Mauerfall 1989/90 war sie 14 Jahre alt), mag vielleicht die künstlerische Sensibilität für solche Themen zumindest ansatzweise mitgeprägt haben. Kafkaesk wäre eine angemessene Bezeichnung für die ungeheuerlichen Vorgänge in den Sirenenwäldern, wo am Büroschalter das menschliche Einzelschicksal zum standardisiert abgehandelten Verwaltungsvorgang gerinnt und wo ausschließlich die formale Korrektheit die Richtschnur des Handelns ist. Mit der bürokratischen Normierung und gesellschaftlichen Vermassung einher geht die Vereinzelung als Isolation – in der Wirtschafts – und Sozialgeschichte der westlichen Gesellschaften gab es statistisch noch nie so viele Einpersonenhaushalte wie heute. Diese soziologische und demografische Entwicklung hat verschiedene Gründe. Auf jeden Fall fördert sie massive Ängste vor der Vereinsamung, vor dem sozialen Ausgegrenztwerden – so beugt man sich schließlich mehr oder weniger willig den Anpassungszwängen, denn man will ja gar nicht anders sein, nicht abseits stehen, sondern dazu gehören.

Die „Schmerzfiguren“ haben somit eine ambivalente Bedeutung. Auf der einen Seite sind sie bildliche Varianten zum kunsthistorischen Topos des „leidenden Menschen“ mit seiner langen Traditionslinie von der Malerei des Mittelalters („Ecce Homo“) bis zum Expressionismus; auf der anderen Seite sind es aber auch Existenzen, deren deformiertes Charakterbild vor allem durch eigene Unzulänglichkeiten bestimmt wird. Obwohl Yvonne van Acht in ihrer Malerei immer wieder symbolischen Anspielungen und Mittel der bildlichen Satire einsetzt, so sind ihre Arbeiten dennoch in hohem Maße realistisch.