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Der Zeitgeist der Philosophen

Ein metaphilosophisches, geistreiches und sehr schönes Bild der Künstlerin Yvonne van Acht

Das Bild mutet surreal an: es zeigt zwei Philosophen, Platon und Aristoteles, die jeweils auf dem Stück eines Baumstamms stehen, das im blauen Himmel zwischen den Wolken schwebt und im Vordergrund eine Vielzahl verblühter Löwenzahnblumen, Pusteblumen, auf deren Stängeln jeweils der Name eines berühmten Philosophen geschrieben ist.

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Dass das Bild, gegen den ersten Anschein, durchaus realistisch ist und die Wahrheit über die selbsternannten Wahrheitsfreunde zeigt, dass also die Künstlerin mehr über die Philosophen weiß als die meisten Philosophen selbst, soll im folgenden dargelegt werden. Dabei muss allerdings aus Gründen mangelnder Kompetenz auf die Thematisierung der kunsthistorischen Aspekte verzichtet werden! Die Art von Philosophie, deren frühe Vertreter im Bild dargestellt sind, bestimmt auch heute noch fast ausschließlich das Fach. Dass diese Art zu philosophieren, in diesem Text ziemlich schlecht wegkommt, ließ sich nicht vermeiden. Die einzige wesentliche Kompetenz solcher Philosophie, so hat der skeptische Philosoph Odo Marquardt behauptet, besteht in ihrer „Inkompetenzkompensationskompetenz“ 1) , also darin, ihre Inkompetenz zu kompensieren; eher aber wohl: diese zu verhüllen mit einem philosophischen Wahrheitsanspruch, unter dem sie sich verbirgt . Der Verfasser leugnet freilich nicht den Widerspruch, dass er aus seiner gründlichen Auseinandersetzung mit dieser Philosophie einiges gelernt hat. So ist folgende Analyse zwar ernst gemeint, aber es darf auch schon ‚mal geschmunzelt werden, weil man einiges von den gemeinten Philosophen Erdachte einfach nicht so ganz ernst nehmen kann. Die Ursachen für das zunehmende Leiden in der Welt liegen ganz woanders, garantiert nicht in dem, was solche Philosophie untersucht.

1) Inkompetenzkomensationskompetenz? Über Kompetenz und Inkompetenz in der Philosophie; in: Odo Marquard, Abschied vom Prinzipiellen, Philosophische Studien, Stuttgart, 1982, S. 23ff

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Das Werden des Helden – von Otto Pannewitz

„Das Selbst ist ein Kreis, dessen Mittelpunkt überall und dessen Peripherie nirgends ist. Und wissen Sie auch, was das Selbst für den westlichen Menschen ist? Es ist Christus, denn Christus ist der Archetypus des Helden, er steht für das Höchste menschliche Streben.“ 1)

Helden der Mythologie, der Sagenwelten, der Religionsgeschichte und Antike treten seit längerem in Yvonne van Achts Bildwerken zutage, so auch in ihren jüngsten Arbeiten. Doch geht es ihr nicht um Historienmalerei oder Erzählungen à la Homers Odyssee, sondern vielmehr um die Mneme 2) der kollektiven Bildwelten der Menschheit, die sich unabhängig von Regionen und Kulturen zu allen Zeiten überall finden lassen und die Carl Gustav Jung, der Begründer der Tiefenpsychologie, in jedem Menschen wirksam sieht. Für ihn sind diese Archetypen Teil der Individuation, der Menschwerdung schlechthin, nicht nur als innere Bilder der Träumenden, jener der realen Welt Entrückten, sondern vor allem auch als bildgewordene Symbole der Menschheit, die er in zahlreichen Studien erforschte. 3)

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Und so steht für die Künstlerin Yvonne van Acht im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Auseinandersetzung mit diesen prägenden und eingeprägten Elementen der Menschheitsgeschichte, die vor allem auch als Bilder der Kunst und deren Geschichte zu allen Zeiten gegenwärtig sind, der Mensch an sich. Im Mittelpunkt steht dessen Prozess der Individuation, seine Menschwerdung, die, wie es schon im Gegensatzpaar des Titels zu Yvonne van Achts hier vorliegender Werkpräsentation anklingt, ein Widerspiel von Gut und Böse, von Dunkel und Hell, von Abtauchen und Vergehen als auch von Aufsteigen und Erneuerung, ja Selbstfindung auf höherer Ebene ist. Diese dem Menschen wie dem Helden, als scheinbar übermenschlicher Figur, eigene Dopplung innerhalb seiner unbewussten wie bewussten Existenz findet sich in den Bilder, die Yvonne van Acht auf Leinwand und Papier bringt.

In „Sophokles‘ Laokoon“ beispielsweise bannt die Künstlerin in einem bewusst zeichnerisch-druckgrafisch-malerischen Duktus eine Art Grisaille jener berühmten Kopie der im Original verschollenen Plastik des trojanischen Priesters Laokoon und seiner Söhne auf die Leinwand. Das Originalwerk ist ebenso verschollen wie die im Bildtitel genannte Sophoklessche Laokoon-Tragödie, die im Weiteren der Laokoon-Darstellung in der Aeneis des Vergil gewichen ist, um schließlich in Gotthold Ephraim Lessings Abhandlung „Über die Grenzen der Malerei und Poesie“, 1766, als Bildwerk in den Rang einer bildgewordenen Katharsis von Laokoons Lebensgeschichte erhoben zu werden. Van Achts Laokoon vereinigt all diese Elemente der Geschichte und Rezeptionsgeschichte des tragischen Helden, in dem die innere Dopplung von Gut und Böse etwa sich äußerlich in den Ereignissen widerspiegelt, die Laokoons irdisches Leben beenden. Eingetaucht in einem farbig eruptiven, fließenden und ausfließenden, kaum gegenständlich fassbaren Raum zwischen erdigem Dunkel und lichtem Weiss-Gelb-Grau, führt der skizziert zitierte Held seinen letzten Kampf mit dem dunklen Dämon der malerisch-plastisch modulierten Schlange, die sich selbst seit der Legende vom Sündenfall bildgeschichtlich vor allem als Archetypus des Bösen und Dunklen etabliert hat. 4)

Der tragische Held Laokoon, der im Spiel der Götter sein Leben verliert, steht dennoch oder gerade deshalb für jene unbeirrbare Überzeugung eines in seiner Menschwerdung vom Ich zum Selbst gelangten Menschen.

Die Allgemeingültigkeit seiner bildlichen Symbolkraft drückt Yvonne van Acht – wie auch in anderen Werken dieses Themenkreises – in einem einer Druckgraphik gleichenden malerischen Stil aus, der in dieser Erscheinungsweise eine mögliche und tatsächliche Multiplizität eines unveränderten Bildes über Zeiten und Kulturen hinweg nach Außen trägt, die sich bis heute, etwa im Comic oder Trickfilm, so oder zumindest so ähnlich erhalten hat. Zugleich sind diese „Zitate“ oftmals von transparenter Erscheinung, vom malerischen Grund durchdrungen und in dieser Transparenz von überzeitlicher Natur. Darin ist van Achts Bildsprache auf Verbindung von Vergangenem und Heutigem angelegt, wie es sich vor-bildlich etwa in „Die Badenden“ zeigt. Hier treffen zwei von Peter Paul Rubens „Drei Grazien“ auf dem Antwerpener Marktplatz auf eine heutige Grazie, die ihr Heutesein in ihrer Umhüllung präsentiert, in ihren Gebärden und ihrer Haltung aber mit in der Vollendung und dem Glücksgefühl der historisch erinnerten Grazien aufgeht.

Van Achts grundsätzlich in ihrem Werk aufgeworfene Fragen – Was macht den Menschen aus? Was bedeutet Menschlichkeit? Was ist Unglück oder Glück? – beantwortet sie, sofern möglich, in ihren in heutige Bildwelten transferierten und zugleich transformierten Gestalten aus dem Bilderschatz der Menschheitsgeschichte, die sie in zumeist schwebenden Räumen von Blütenpracht, provenzalischen Landschaften, Monetschen Seerosen, aber auch kargen Gegenden aus der Urzeit der Erde auftreten lässt.

Was beispielsweise bedeutet ein Heroe der Geistesgeschichte wie Aristoteles uns heute? Ist diese Bedeutung für unser Menschsein noch von gleicher Relevanz wie zu Zeiten der Renaissance, in der ein Raffaello Santi zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit seinem Fresko der Schule von Athen in der Stanza della Segnatura im Vatikan ein Hohes Lied auf die Philosophie anstimmt, indem er die Geistesgrößen der philosophischen Denkschule des antiken Griechenlands versammelt, das den Menschen der Renaissance als Ursprung der europäischen Kultur und deren Wissenschaften galt? Im Zentrum dieses Werkes steht Platon in der Gestalt von Leonardo da Vinci neben seinem Schüler Aristoteles.

In van Achts „Zeitgeist der Philosophen“ finden sich diese Figuren Raffaels als wiederum im zeichnerischen Duktus gemaltes, zugleich transparent erscheinendes „Zitat“ in eine Himmelslandschaft von Blau-Weiss gesetzt. Sie stehen auf einem Stück Natur, einem Baumstamm, der seinerseits malerisch ebenfalls als „Zitat“ markiert ist. Sie sind umgeben von Früchte tragenden Löwenzahnblütenköpfen, den Pusteblumen, deren Früchte als Schirmflieger durch das Bild wehen und sich hier symbolhaft verbreiten wie die Gedanken des Philosophen Aristoteles aus seiner Nikomachischen Ethik, die er in seiner linken Hand hält. In diesem Werk sucht Aristoteles einen Leitfaden an die Hand zu geben, mit dem zu erlernen sei, wie man ein guter Mensch wird und ein glückliches Leben führt. Das höchste Gut, das ein Mensch erreichen kann, ist die Glückseligkeit, die sich im seelischen Glück manifestiert und die wir Menschen um ihrer selbst Willen erstreben. 5)

Die aristotelische Vorstellung von Menschwerdung, die aus der inneren Tätigkeit der Seele im Sinne ihrer inneren Güter, der Tugenden, und der äußeren Tätigkeit eines vollkommenen, kontemplativen Lebens erwächst, kennt somit – in einer anderen Deklination – ebenso eine innere und äußere Form dieses Prozesses, wie sie C.G. Jung über zwei Jahrtausende später in seiner Vorstellung der dreifachen Schichtung des Seelenlebens in einer Schicht des kollektiven Unterbewussten, des persönlichen Unterbewussten und des Bewusstseins entwickelte.

C. G. Jung hat in diesem Menschwerdungsprozess des Menschen vom Ich zum Selbst als psychischem Vorgang des Eintauchens in das Unbewusste und dem Aufsteigen aus dem Unbewussten in die Bewusstheit der Existenz zahlreiche Parallelen zur Religion und zur Alchemie aufgetan, deren Stufen der Individuation jenen der Tiefenpsychologie durchaus vergleichbar sind.

Yvonne van Acht geht mit der ihr eigenen eindrücklichen Art mit Szenen aus dem erstmals 1550 gedruckt erschienenen, mit Holzschnitten bebilderten „Rosarium Philosophorum“ 6) diesem Weg der Menschwerdung im Sinne der Alchemie nach, die diesen auf zehn Stufen beschreitet. Damit unterstreicht sie einmal mehr ihr umfassendes Interesse an der menschlichen Entwicklung sowohl im historischen wie auch im heutigen Kontext.

Und nicht von ungefähr finden sich schließlich parallel dazu Textseiten aus CG Jungs Biographie 7) als Bildträger von Yvonne van Achts Gedankenskizzen, wie die Künstlerin diese zeichnerischen Notationen selbst nennt und die sie mit Tagebuchschreiben vergleicht, bei dem innere Bilder, Gedanken der Erinnerung nach außen getragen werden. In 40 Teilen begibt sich die Künstlerin auf „Die Reise des Helden“ und bezeichnet darin einen Individuationsprozess. Die Reise des Helden ist ein Grundmotiv vieler Märchen, Mythen und Legenden, in denen einer auszieht, um ein großes Werk zu vollbringen. Die Reise des Helden steht symbolhaft für den Lebensweg des Menschen. Dieser von Yvonne van Acht gezeichnete Individuationsprozess berührt sich hin und wieder mit C.G Jungs darunter liegenden Textpassagen, findet in der zeichnerischen Formulierung Parallelen zu dessen tiefenpsychologischen Betrachtungen als auch zur alchemistischen Lehre, die in vielfachen Varianten auf uns gekommen ist. Dennoch ist hierin eine selbständige Bilderfolge entstanden, gleichsam die ins Bewusstsein sichtbar gemachte, bis dahin unbewusste Biographie eines oder des Menschen. Denn die Biographie eines Menschen ist auch die Biographie seines Unbewussten, seiner Träume und seines inneren Erlebens, das Bilder evoziert gleich den Archetypen, die C.G. Jung aus weit über zehntausend Traumuntersuchungen als jene von Allgemeingültigkeit gefiltert hat und mit denen Yvonne van Acht der Entwicklung des Menschen Gestern und Heute ausdrucksstark nachspürt.

Anmerkungen

  1. C.G. Jung (1875 – 1961). In: C.G. Jung im Gespräch, Interviews, Reden, Begegnungen. Von Carl G. Jung, Robert Hinshaw, Lela Fischli. Einsiedeln 1986, S. 258
  2. In der Kunstgeschichte hat Aby Warburg (1866 – 1929) mit seinem Bilderatlas „Mnemosyne“, der nur als Rekonstruktion innerhalb der Gesamtausgabe seiner Schriften existiert, den Versuch unternommen, mit Hilfe von Bildern das Weiterleben der Antike in der europäischen Kultur zu dokumentieren, also eine Art von kollektivem Bildgedächtnisnachweis zu führen. Warburg gilt als Begründer der kunstwissenschaftlichen Ikonologie. Marfred Warnke u. C. Brink (Hg.). Der Bilderatlas MNEMOSYNE. Berlin 2000
  3. Siehe: C.G. Jung (Hg.). Der Mensch und seine Symbole. Olten 1968
  4. Nach C.G. Jung enthält die Legende vom Sündenfall eine tiefe Lehre: „ist sie doch der Ausdruck eines dunklen Gefühls, dass die Emanzipation des Ichbewußtseins eine luziferische Tat darstellt.“ In: C.G. Jung. Bewußtes und Unbewußtes. Frankfurt/M. 1979, S. 117
  5. Immanuel Bekker (Hg.). Aristotelis opera. 2 Bände. Berlin 1831 ff.
  6. Das „Rosarium Philosophorum secunda pars alchimiae…“ (Rosengarten der Weisheit) wurde vermutlich im 13. Jahrhundert von Arnaldus de Villanova verfasst. Als anonym veröffentlichter Druck erschien es 1550 als zweiter Teil des alchemistischen Werkes „De Alchemia Opuscula complura veterum philosophorum quorum catalogum sequens pagella indicabit…“ in Frankfurt.
  7. Siehe: Erinnerungen, Träume, Gedanken von C. G. Jung. Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé. Zürich/Stuttgart 1962
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Im Sirenenwald – von Jürgen Raap

Katalogtext zu den Arbeiten von Yvonne van Acht

Die Wälder, die Yvonne van Acht malt, entbehren jeder Romantik. Zwar gibt es in dem Bilderzyklus über die vier Tageszeiten weiße Frühlingsblütenblätter zu sehen („Mittags“, 2006) und in der Arbeit „(Jagdzauber“, 2006) gelb-buntes Herbstlaub, aber dieses wild zerzauste Blattwerk stellt keine bildliche Chiffre für die malerische Schönheit und erhabene Herrlichkeit der Natur dar wie in der klassischen Landschaftsmalerei. Denn in diesen „Sirenenwäldern“ stehen auf den Lichtungen große puppenhafte Figuren mit Megaphontrichtern, und aus solchen Lautsprechergeräten dröhnen unaufhörlich Parolen. In der Mythologie der Antike sind Sirenen bekanntlich Mischwesen aus Mädchen und Vogel. Yvonne van Acht stellt sie jedoch als entseelte roboterhafte Wesen dar, deren Oberkörper auf eine Stange montiert ist. Sie haben nichts mehr gemein mit den antiken Sirenen Himeropa („sanfte Stimme“) oder Parthenope („Mädchenstimme“), sondern sie gemahnen eher an das durchdringende Geheul von Alarmapparaten.

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Der unerträglich laute Schall peitscht die Blätter durch das Szenario wie ein heftiger Sturm, er zerfleddert dieses Blattwerk – niemand kann sich dieser alles durchdringenden Propaganda entziehen. Die Menschen halten sich die Ohren zu und versuchen in dem zerstobenen Blätterwirbel davon zu laufen oder sich hinter Bäumen zu verstecken, doch es gelingt ihnen nicht. Ein derart sturmumtoster Wald mit mächtigen, bedrohlich wirkenden Baumstämmen ist wahrlich kein Ort der lieblich-idyllischen Ruhe und kontemplativen Besinnlichkeit, nein, es ist ein eher monströser, düsterer, unheimlich wirkender Wald, mit undurchdringlichem Dickicht: Eine solche Bildatmosphäre erreicht Yvonne van Acht durch die Betonung einer malerischen Tiefenwirkung und durch die kulissenhafte Anlage der Bildhintergründe.

Vor allem die „Dämonische Barlandschaft“ (2006) und die „Dämonische Bürokratielandschaft“ (2006) sind als Bühnensituation komponiert. Im Zentrum stehen eine Bartheke und ein Behördenschalter. Eine Sirene als Barfrau bedient drei Trunkenbolde, von denen der eine im Rausch bereits zusammengesunken ist und seinen Kopf mit der Hand auf der Tresenplatte abstützt. Vor dem Schalter gebietet eine Absperrkordel Distanz zur Obrigkeit – die Schaltersirene posaunt von ihrem Platz aus mit stolz aufgerichtetem Oberkörper ihre Botschaften hinaus, umrahmt von großen länglichen Lautsprecherboxen, während seitlich ein Untertan als „Schmerzfigur“ demütig-ängstlich zusammen gekauert auf einem Baumstamm hockt. „Es ist verboten, seinen eigenen Weg zu gehen“ (2006), lautete eine dieser Parolen. Man denkt beim Anblick dieser Bilder an die Konformitätszwänge totalitärer Gesellschaften, wie sie Aldous Huxley („Brave new world“) und George Orwell („1984“) beschreiben. Die Technik dringt als Herrschaftsinstrument brutal in ursprünglich unberührte, natürliche Lebensräume ein – da werden die Behördenschalter im Wald penibel durchnummeriert und mit Computerbildschirmen bestückt. Es sind Wälder, in denen nur die noch ganz jungen Bäume Repräsentanten eines natürlichen Wachstums und einer möglichen freien Entwicklung sind – doch auch die werden irgendwann zurecht gestutzt.

Der deutsche Wald, Inbegriff der viel besungenen Romantik des 19. Jh. und Handlungsraum der Märchenwelten mit ihren Kobolden, Geistern und Hexen, ist heute ein künstlich aufgeforsteter Nutzwald, in welchem die Bäume in Reih und Glied stehen wie beim Soldatenappell auf dem Kasernenhof. Ständig-plärrige Wiederholungen der immer gleichen Botschaft sind Merkmal der Konsumwerbung und der totalitären politischen Propaganda. Die solchermaßen mit einem Wortschwall zugedröhnten, entmündigten, ihrer Individualität und ihrer Identität beraubten Menschen (in Gefängnissen und Straflagern bekamen die Insassen anstelle ihres Namens früher eine Nummer verpasst) werden zu rot-violett gekleideten Schmerzfiguren.

Diese Schmerzfiguren hocken oder stehen auf abgeholzten Baumstümpfen als Sinnbild für die Unterwerfung und Knechtung der Natur, die hier parabelhaft als Freiheitsraum erscheint. Insofern steht Yvonne van Acht in der Tradition einer Kunst und Literatur, die seit dem 18. Jh. das „Wilde“, „Ursprüngliche“ und „Unberührte“ immer wieder als metaphorisches Idealbild und utopisches Gegenmodell zur zivilisatorisch gebändigten modernen Gesellschaft begriffen hat. Galt – etwa bei Schillers „Die Räuber“ – eine solche künstlerische Gesellschaftskritik zunächst dem Feudalismus und dem manierierten Konventionalismus des Spätbarock, so focussieren sich im 20., Jh. die Vorstellungen von persönlicher Freiheit auf eine Auseinandersetzung mit der modernen Massengesellschaft, in der sich auch die Macht anonymisiert. Zwar zelebrieren totalitäre Diktaturen gerne einen bizarren Personenkult, aber im Alltag ist diese Herrscherperson dem Untertan gemeinhin medial entrückt – er hat es stattdessen real nur mit den Satrapen, d.h. mit solchen „Sirenen“ als verlängertem Arm einer strukturellen Macht zu tun, und selbst in unseren heutigen Demokratien geht die Ausübung von politischer und ökonomischer Macht oft mit einem Meinungsterror einher, der via Massenmedien unverhohlen ausgeübt wird. Dass Yvonne van Acht ihre Kindheit in der DDR verbracht hat (beim Mauerfall 1989/90 war sie 14 Jahre alt), mag vielleicht die künstlerische Sensibilität für solche Themen zumindest ansatzweise mitgeprägt haben. Kafkaesk wäre eine angemessene Bezeichnung für die ungeheuerlichen Vorgänge in den Sirenenwäldern, wo am Büroschalter das menschliche Einzelschicksal zum standardisiert abgehandelten Verwaltungsvorgang gerinnt und wo ausschließlich die formale Korrektheit die Richtschnur des Handelns ist. Mit der bürokratischen Normierung und gesellschaftlichen Vermassung einher geht die Vereinzelung als Isolation – in der Wirtschafts – und Sozialgeschichte der westlichen Gesellschaften gab es statistisch noch nie so viele Einpersonenhaushalte wie heute. Diese soziologische und demografische Entwicklung hat verschiedene Gründe. Auf jeden Fall fördert sie massive Ängste vor der Vereinsamung, vor dem sozialen Ausgegrenztwerden – so beugt man sich schließlich mehr oder weniger willig den Anpassungszwängen, denn man will ja gar nicht anders sein, nicht abseits stehen, sondern dazu gehören.

Die „Schmerzfiguren“ haben somit eine ambivalente Bedeutung. Auf der einen Seite sind sie bildliche Varianten zum kunsthistorischen Topos des „leidenden Menschen“ mit seiner langen Traditionslinie von der Malerei des Mittelalters („Ecce Homo“) bis zum Expressionismus; auf der anderen Seite sind es aber auch Existenzen, deren deformiertes Charakterbild vor allem durch eigene Unzulänglichkeiten bestimmt wird. Obwohl Yvonne van Acht in ihrer Malerei immer wieder symbolischen Anspielungen und Mittel der bildlichen Satire einsetzt, so sind ihre Arbeiten dennoch in hohem Maße realistisch.

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